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Schmerzfrei unters Messer

Schmerzfrei unters Messer
von Marlies Mohr - Moderne Narkoseverfahren bieten auch größtmögliche Sicherheit.

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Der liebe Gott als Anästhesist? Das soll jetzt nicht blasphemisch klingen, aber auch er hat gewusst, dass körperliche Eingriffe große Schmerzen bereiten können. Deshalb ließ er, laut Bibelzitat, Adam in einen tiefen Schlaf fallen, bevor er ihm eine Rippe entnahm und daraus Eva formte. Noch bis ins 19. Jahrhundert herauf mussten Patienten darauf hoffen, schnell in eine gnädige Ohnmacht zu fallen, um die Strapazen einer Operation halbwegs zu überstehen. Erst als ein Zahnarzt die schmerzstillenden Eigenschaften des Äthers erkannte, schlug die Geburtsstunde der Anästhesie. Heute ist die Medizin nicht mehr auf Vorschlaghammer, Opiumtropfen oder Aderlässe angewiesen, sondern verfügt über ein breites Spektrum an Narkosemitteln, wie Primar Dr. Harald Sparr vom KH Dornbirn und Primar Dr. Reinhard Germann vom LKH Feldkirch beim Mini Med Studium in Feldkirch darlegten.

Eine besondere Erwähnung war dem Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus Dornbirn die Tatsache wert, dass trotz vorhandener Möglichkeiten noch immer viele Frauen unter starken Schmerzen gebären.

Althergebrachte Einstellung

Weil sie es als Schwäche empfinden, wenn sie diese Schmerzen nicht aushalten“, wie Harald Sparr anmerkte. In Vorarlberg nehmen gerade einmal 7 bis 10 Prozent der Schwangeren die sogenannte Peridural-Anästhesie in Anspruch. Königin Victoria von England setzte sich schon 1847 über solch althergebrachte Einstellungen hinweg und bekam ihre letzten zwei Kinder mittels schmerzstillender Chloroform-Tröpfchen-Anästhesie. Soweit der geschichtliche Exkurs dieses hochinteressanten Vortrages.

Primar Reinhard Germann, Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin am LKH Feldkirch, räumte ein, dass es schon Vertrauen brauche, sein Schicksal in die Hände anderer zu legen. „Deshalb ist ein gutes Team wichtig, das den Patienten vor, während und nach der Operation begleitet“, so Germann. Was die Form der Narkose anlangt, sei ein Tiefschlaf nicht immer zwingend erforderlich. Mehr und mehr kommt die rückenmarksnahe sowie regionale Anästhesie zur Anwendung. „Das primäre Ziel ist immer die Schmerzfreiheit“, betonte Reinhard Germann. Wobei die Mittel entweder in die Vene gespritzt oder in Gasform verabreicht werden.

Die Regionalanästhesie, bei der Nervenstränge schmerzfrei gemacht werden, wird häufig bei chirurgischen Eingriffen an Beinen eingesetzt. Die, vorwiegend älteren Patienten, sind laut Germann sehr zufrieden damit. Eine Vollnarkose mit Tiefschlaf wird bevorzugt, wenn Operationen an Kopf oder Hals anstehen, eine spezielle Lagerung nötig ist oder der Patient sie wünscht. Die Schlaftiefe wird unter anderem durch Messung der Hirnströme und des Blutdrucks überwacht.

Optimale Vorbereitung

Die Krankenhäuser verfügen zudem über Anästhesieambulanzen. „Durch den frühen Kontakt zum Patienten kann eine Narkose schon im Vorfeld optimal vorbereitet werden“, so Germann. Ein großes Thema ist auch die ständige Weiterbildung von Ärzten und Personal. Notfallsituationen werden im Team geübt. Seit Kurzem können Notfallabläufe auch lebensnah simuliert werden.

Pfeilgifte und Zuckerringe

Mitunter erfordern Operationen den Einsatz von muskellähmenden Medikamenten.

Abklärung. Die Herausforderungen der Zukunft skizzierte Primar Dr. Harald Sparr. Als eine der größten bezeichnete er die steigende Lebenserwartung. Wobei das Alter allein kein Faktor für das Überstehen eine Operation darstelle. Allerdings heiße es auf ältere Patienten besonders gut aufpassen, indem mögliche Risikofaktoren vorher abgeklärt und die richtigen Narkosemittel ausgesucht werden. Nach dem Eingriff seien eine konsequente Schmerztherapie, die frühe Mobilisation und Physiotherapie der Schlüssel zum Erfolg.

Probates Gegenmittel

Als äußerst interessant erwiesen sich auch seine Ausführungen zur Verwendung von muskellähmenden Medikamenten. Eine Muskelentspannung unter Vollnarkose ist beispielsweise bei Hüftprothesen-Operationen nötig. Bei den verwendeten Medikamenten handelt es sich um Weiterentwicklungen des Pfeilgiftes Curare. „Die exakte Messung der Wirkung gewährleistet nach dem Erwachen eine normale Muskelfunktion“, versicherte Sparr. Im anderen Fall steht mit dem sogenannten Zuckerring ein probates Gegenmittel zur Verfügung. Er besteht aus acht Traubenzuckereinheiten, die Restbestände des Medikamentes quasi schlucken und die Muskeln binnen ein bis zwei Minuten wieder auf Vordermann bringen.

Die Tageschirurgie stellt laut Sparr ebenfalls einen Schwerpunkt in der künftigen Arbeit der Anästhesisten dar. Die moderne Chirurgie sowie steuerbare Narkoseverfahren machen es möglich, dass immer mehr Eingriffe ambulant durchgeführt werden können.

 Fragen aus dem Publikum

Ist bei einer muskelentspannenden Narkos die Atemmuskulatur ebenfalls gelähmt?

Sparr: Ja, aber in dieser Phase wird der Patient künstlich beatmet und sichergestellt, dass die Muskeln beim Aufwachen wieder normal funktionieren.

Wie verhält es sich mit einer Narkose bei Rauchern, Alkoholikern oder Diabetikern?

Germann: Die Nakosemittel werden natürlich entsprechend angepasst. Bei Vorschädigungen verwenden wir meist gasförmige Narkosemittel, weil sie einen schützenden Effekt haben. Insgesamt 70 Prozent der Narkosemittel sind gasförmig. 30 Prozent verabreichen wir intravenös.

Was passiert bei einer Vollnarkose im Gehirn? Und stimmt es, dass eine Narkose die Lebenserwartung verkürzt?

Sparr: Die Wissenschaft weiß bis heute nicht, was genau im Hirn passiert. Alle Narkosemittel haben jedoch gemeinsam, dass sie an bestimmte Rezeptoren andocken und dort ihre Wirkung entfalten. Auf die Lebenserwartung hat eine Narkose keinen Einfluss. Diese Angst ist unbegründet.

Wovor hat ein Anästhesist eigentlich Angst?

Germann: Eine Anästhesie an sich ist heutzutage kein Problem mehr. Risiken ergeben sich bei vorliegenden Erkrankungen etwa des Herzkreislauf-Systems oder bei starker Beeinträchtigung der Lungenfunktion. Auch die Größe des Eingriffs spielt eine Rolle. Hier gilt es, mit den Angehörigen und den behandelnden Ärzten eine genaue Risiko-Nutzen-Abwägung zu treffen.

Warum treten nach Amputatio-nen Phantomschmerzen auf und was tut man dagegen?

Germann: Wir wissen, dass der Körper über ein Schmerzgedächtnis verfügt, das sich nicht nur auf die Operationsstelle konzentriert, sondern sich auch selbstständig macht. Deshalb ist es wichtig, mit dem Patienten schon vor der Amputation Strategien gegen Phantomschmerzen festzulegen. Sie gänzlich auszulöschen ist nur teilweise möglich. Gegen starke Schmerzen hilft nur eine aggressive medikamentöse Therapie.

Es heißt immer, man muss für eine Operation nüchtern sein. Wie wird das bei einem Notfall gehandhabt? Da weiß der Arzt ja auch nicht, ob der Patient etwas gegessen oder getrunken hat.

Sparr: In solchen Fällen wenden wir spezielle Techniken an, um sehr rasch eine Narkose zu erreichen. Außerdem wird ein Beatmungsschlauch eingeführt, der Erbrochenes absaugt. Essen oder Trinken vor einem Eingriff erhöhen das Risiko für Komplikationen um das Vier- bis Fünffache.

Welchen Sinn hat die Tablette, die man vor einer Operation erhält?

Sparr: Sie nimmt dem Patienten die Angst und er kann sich an unangenehme Ereignisse nicht mehr erinnern. Ist der Angstpegel niedrig, braucht es auch weniger Narkosemittel.

Wie wählt man bei einem Notfall die Art der Narkose aus?

Germann: Bei schnellen Eingriffen muss sich der Arzt häufig mit einer klinischen Beurteilung des Patienten behelfen. Dazu zählen beispielsweise das Alter sowie die Ergebnisse von Röntgen- und Blutuntersuchungen. Unsicherer wird eine Operation deshalb nicht, weil der Patient sehr intensiv überwacht wird.

Wie bekommt jeder Patient seinen OP-Spezialisten?

Germann: Das geschieht durch eine genaue Vorplanung. Heuzutage sind 90 bis 95 Prozent der Abläufe in den Operationssälen festgelegt. Fällt der betreffende Arzt aus, wird der Eingriff verschoben, wenn dies geht.

Kann es auch passieren, dass zu viel Narkosemittel verabreicht wird?

Sparr: Wir sind darauf geschult, die Wirkung richtig einzuschätzen. Zudem gibt es Richtlinien für die Dosierung. Durch die Möglichkeit der Nachdosierung während des Eingriffs ergibt sich auch eine sehr hohe Genauigkeit. Sie beträgt plus/minus 5 Mi-nuten.

Wie lange braucht der Körper für den Abbau von Narkosemitteln?

Germann: Das hängt vom Alter des Patienten und von der Größe des Eingriffs ab. Normalerweise kann der Patient fünf bis zehn Minuten nach dem Aufwachen reden. Eine halbe Stunde später sollte er wieder mobil sein.

Sparr: Dass Patienten nach einer Operation müde sind hängt mit den starken Schmerzmitteln zusammen.

Eine Peridural-Anästhesie wird im Bereich des Rückenmarks gesetzt. Wie hoch ist die Gefahr einer Querschnittlähmung?

Germann: In der Geburtshilfe ist das Risiko nicht sehr hoch. Bei alten Patienten liegt es schon bei 1:3000. Deshalb wenden wir dort verstärkt die Regionalanästhesie an.

Warum verzichten viele Frauen trotz starker Geburtsschmerzen auf eine Peridural-Anästhesie? Haben sie Angst, die Narkose könnte dem Baby schaden?

Sparr: Nein, es geht vielmehr darum, dass Frauen meinen, sie hätten versagt, wenn sie die Geburtsschmerzen nicht aushalten.

Die Angst des Patienten vor dem Tiefschlaf

Anästhesiebedingte Todesfälle sind selten geworden. Trotzdem gibt es viele Fragen.

Ängste. In Vorarlberg wurden im vergangenen Jahr 33.000 Anästhesien verabreicht. Und so ganz angstfrei sind die Patienten trotz aller medizinischen Fortschritte nicht. Wache ich nicht mehr auf? Wache ich zu früh auf? Wie ist es mit der Übelkeit und mit Schmerzen? Kommt es durch die Narkose zu Veränderungen im Gehirn? Diese Fragen bewegen die Menschen am meisten.

Anästhesiebedingte Todesfälle sind selten. Sie liegen laut Reinhard Germann bei 1:100.000. Das mit dem frühzeitigen Aufwachen gibt es schon häufiger. Ein bis zwei von 1000 Patienten haben demnach ein bewusstes Wacherleben, jedoch ohne Schmerzempfinden.

Die richtige Wahl

Veränderungen im Gehirn kommen bei etwa 10 Prozent der älteren Patienten vor. „Speziell bei den über Siebzigjährigen kann eine Narkose zu Einschränkungen etwa beim Gedächtnis oder in der Konzentration führen“, ließ Primar Germann die Zuhörer wissen. Von Übelkeit nach einer Narkose sind vor allem Frauen und Nichtraucher betroffen.

Opiate begünstigen Übelkeit, deshalb gehe es immer auch um die Wahl des richtigen Narkosemittels. Schmerzen, die sich nie ganz ausschalten lassen, werden entweder mit Medikamenten oder einer Schmerzpumpe, die der Patient selbst kontrolliert, behandelt. Insgesamt hängt das Risiko von verschiedenen Faktoren ab. Das Alter, Vorerkrankungen und die Art des Eingriffes sind solche Faktoren. Aber auch die Bildung gehört dazu. „Je höher der Bildungsgrad, desto geringer das OP-Risiko“, schloss Reinhard Germann seine Ausführungen.

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