Akt.:

Raum, Körper, Stoff

Die Einbettung in den Kontext gelingt über die Staffelung der Baukörper Die Einbettung in den Kontext gelingt über die Staffelung der Baukörper - © DarkoTodorovic
von Florian Aicher - Als ob es darum ginge, die umliegenden Berge einzufangen – so ungewöhnlich ist die lichte Höhe des Hauptraumes. Als ob es darum ginge, dem frischen Grün der jungen Triebe, dem strahlenden Weiß der Obstbaumblüten einen ausgeglichenen Hintergrund zu bieten – so frisch wirkt der lichte Sichtbeton der Hülle. Ein ungewöhnliches Haus.

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Dabei fällt es an der Straße im Süden Feldkirchs gar nicht sonderlich auf. Da zeigt es sich als eine Komposition aus klaren rechtwinkligen Körpern von ausgesuchten Proportionen mit flachem Dach. Die vermittelt zur Nachbarschaft, doch erlaubt sich einen entschiedenen, eigenen Auftritt in Sichtbeton. Das herausragende Volumen entwickelt sich in Grundstückstiefe. Wo derzeit das neue Bauen die Großform sucht, ist diese räumliche Differenzierung ungewöhnlich, ebenso der Verzicht auf Symmetrie oder einheitlichem Muster.

Das leicht abschüssige Grundstück und die unterschiedliche Qualität der Räume begründen dieses Gefüge. Von der ebenerdigen Garage gelangt man über eine Stufe in den Eingang: Von hier führen einige sehr flache Stufen in den Wohnraum, der auf einem Sockel mit ebenerdigem Austritt in den Garten aufsitzt. Dieser Wohnraum – besser Lebensraum – ist mit seiner sehr großzügigen Raumlichte von 3,40 mRückgrat und mit 62 m2 Zentrum des Hauses – vom Wohnen mit Essen und Küche bis Bibliothek und Hausrat, Kaminplatz inbegriffen. Alle drei Himmelsrichtungen sind zur Sonne geöffnet, schmal zum Morgen, großzügig zum Mittag, raumgreifend zum Abend mit vorgelagerter Terrasse. Auf der Nordseite liegen Schlafräume und Nebenräumen mit üblichen Raummaßen.

Mit der unterschiedlichen Ausbildung der Räume entsprechend ihrer Wertung greift Architekt Julian Dichtl Überlegungen des Wiener Architekten Adolf Loos auf, der damit vom zweidimensionalen Grundriss zum dreidimensionalen ‚Raumplan’ kommt. Wechsel der Raumqualitäten, damit Spannung, die in ausgewogene Beziehung gesetzt wird, aber auch Einsparung an Fläche, weil man sich von Raum zu Raum bewegt und so gesonderte Verkehrswege entfallen – das ist spürbar ein Gewinn.

Dieses Raumverständnis wird verstärkt, indem es sich nach außen abzeichnet. Das Spiel der Körper – an einem sonnigen Frühlingstag: das Spiel von Licht und Schatten – wird als Wechsel der Räume verständlich. Und nahe liegend wird das Material: Beton. Der lässt sich in alle drei Dimensionen gleichartig ausbauen, anders als etwa Holz, das eindeutige Wachs- und somit Bearbeitungsrichtungen hat. Und damit kommt er der Ausdehnung der Körper in alle Dimensionen entgegen – und gibt ihnen die Gewissheit von Stein. Insofern ist die Wahl dieses Baustoffs keine Geschmackssache. Auch da folgt Dichtl Loos. Der hat Architektur streng von Kunst geschieden – was ja nicht ausschließt, dass es für Dichtl einen besonderen Reiz hatte, etwas anderes zu machen als das hier übliche Holzhaus.

Holz findet man im Haus dennoch: Präzise eingesetzt bei Ausbau, ob als Schrankwand, Türen, Fenster – fein gearbeitet, rotbraune Lärche. Ansonsten: das Grau des Sichtbeton, ein helles Grau des Kunstharz auf Estrich, das Weiß, in wenigen Fällen: Schwarz der Wände, im Fall der Außenwand die Gipsschale vor der Innendämmung.

Doch nicht nur das Haus ist außergewöhnlich; bemerkenswert ist seine Entstehung. Der Architekt Julian Dichtl, in Feldkirch aufgewachsen, hatte das Bauen im Elternhaus mit der Muttermilch aufgenommen und galt bereits während des Studiums in Wien als eine der Hoffnungen seiner Generation und Heimat – dies belegt mancher Preis. Ein lebensgefährlicher, unverschuldeter Autounfall am Beginn seines Berufsweges machte die vorgezeichnete Karriere zunichte. Verstummt, an den Rollstuhl gebunden und sehbehindert wird jede Kommunikation zu einem Kraftakt – für ihn und seine Gesprächspartner. Dass dieses Haus nach seinen Vorstellungen verwirklicht werden konnte, verdankt er dem Verständnis und der Geduld seines fachlich geübten Vaters. Der den durch Buchstabenzeigen ausgesprochenen Satz akzeptierte: „Ich bin der Architekt.“

Solchem Zusammenspiel ist zu danken, dass dieser Schicksalsschlag nicht zum Versiegen einer Begabung führen muss. Neben seinem architektonischen Talent hat Julian Dichtl immer sein zeichnerisch-malerisches gepflegt. Daran kann er anknüpfen. Und so hat er mittlerweile nicht nur ein ansehnliches malerisches Werk vorzuweisen das in Ausstellungen zu sehen war. Für den Stahlhersteller Thyssen hat er ein Farbsystem für Fassadenpaneele entwickelt, das bereits eingesetzt wird und gelegentlich entwickelt er ein komplettes Farbkonzept – so für die Glasfenster der Kapelle des neu eröffneten Antonius-Hauses. So fern ist die Architektur nicht mehr …

 

DATEN & FAKTEN

Objekt
Wohnhaus J.M. Dichtl
behindertengerecht
mit Pflegerwohung

Planung
DI Julian Matthias Dichtl
Feldkirch, 2009

Nutzfläche ca. 240 m²

Ausführung 2010

Bauweise
Keller, Decken, Wände, Treppen Stahlbeton
Außenwände mit Innendämmung in Gipskarton Schale
Warmdach mit 20 cm Dämmung, Abdichtung, Kiesbelag

Fenster
Lärchenholz, 3-fach-Verglasung zum Teil Schiebefenster

Boden Isolierung, Zementestrich Beschichtung; Fliesen in Nasszellen

Frühstücksbalkon
abgehängte Stahlkonstruktion
Gitterroste
ebenso Außenrampe

Heizung Niedertemperatur-Fußbodenheizung über Erdsonden-Wärmepumpe

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