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Philosophicum 2012: Spannendes Finale rund um Mensch-Tier-Beziehung in Lech

Philosophicum in Lech war wieder gut besucht. Philosophicum in Lech war wieder gut besucht. - © VOL.AT/Steurer
Am Wochenende erlebten rund 600 Besucher die finalen Vorträge im Rahmen des Philosphicum 2012, das sich heuer dem Thema „Tiere. Der Mensch und seine Natur.“ widmete.

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Einer der Höhepunkte war dabei das Referat von Kulturwissenschaftler Thomas Macho, der am Samstag mit seinem Plädoyer für einen inklusiven Humanismus aufhorchen ließ. Beim abschließenden Vorarlberg-Brunch am Sonntag verrieten, wie gewohnt, der wissenschaftliche Leiter des interdisziplinären Symposiums, Philosoph Konrad Paul Liessmann, und der Gastgeber, Lechs Bürgermeister Ludwig Muxel, das Thema für die nächste Auflage, die von 25. bis 29. September 2013 wieder in Lech stattfinden wird: „Ich. Der Einzelne in seinen Netzen.“

Rangordnungsfrage im Dreieck Mensch – Tier – Maschine

Mit seinem spannenden Vortrag unter dem Titel „Tiere – Menschen – Maschinen. Für einen inklusiven Humanismus“ eröffnete Kulturwissenschaftler und Philosoph Thomas Macho das Wochenende beim Philosophicum 2012. Macho ging der Frage der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit nach, zwischen Tieren, Menschen und Maschinen zu unterschieden. Er kritisierte dabei die These vom exklusiven Humanismus und gab etwa Jean Paul Sartre als Referenz an, der den exklusiven Humanismus schon als engen Verwandten des Kolonialismus und Rassismus gesehen hatte. Macho erinnerte daran, dass die Selbstüberschätzung des Menschen jüngeren Ursprungs ist: „Die Selbstverständlichkeit, mit der eine Grenze zwischen Tier und Mensch gezogen wird, verdient Skepsis. Tatsächlich waren die Menschen im Laufe der Jahrtausende viel weniger von ihrer Einzigartigkeit überzeugt, als man meinen möchte.“ Er spannte den Bogen weiter zu den intelligenten Maschinen, indem er Bezug auf Philipp K. Dicks Novelle „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ nahm, die später von Regisseur Ridley Scott als „Bladerunner“ verfilmt wurde. Macho stellte die provokante These auf: „Die moderne Computertechnik beweist, dass der Mensch kein Monopol auf Intelligenz hat.“

Ebenso streitbar waren die Ausführungen des emeritierten Marburger Philosophen und Kantforschers Reinhard Brandt, der Machos Ausführungen komplett widersprach. Er beantwortete gleich zu Beginn seines Referates seine Eingangsthese „Können Tiere denken?“ mit einem klaren und provokanten „Nein!“ und sorgte damit für Aufmerksamkeit. Brandt untermauerte seine Behauptung, indem er Tieren die Fähigkeit, Urteile zu bilden, absprach. Zudem hätten diese keine Begriffe, mit denen sie Dinge und Eindrücke einordnen könnten. Trotz heftigen Widerspruchs seitens des Publikums, blieb Brandt dabei: „Natürlich haben Tiere mentale und emotionale Fähigkeiten. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass das Psychologie ist, psychologische Prozesse. Aber was wir Menschen machen, ist eine mentale Operation, das Denken. Wir befinden uns mit unserem Denken in einer völlig neuen Region.“

Von Recht und Rechtfertigung

Der Philosoph und Sprachwissenschaftler Dieter Birnbacher ging in seinem Referat der Frage nach, ob Tiere Rechte haben. Dabei holte der deutsche weit aus und lieferte einen umfassenden historischen Abriss zur rechtlichen Stellung von Tieren in der Gesellschaft. Die heikle Frage, welcher Art tierische Rechte sein sollten, beantwortete er für sich klar: „Die Ziele, denen die Anerkennung subjektiver juridischer Rechte von tierischen Individuen und Kollektiven sowie die Einführung entsprechender Klagebefugnisse vor Verwaltungsgerichten dienen sollen, erscheinen mir durchwegs unterstützenswert.“ Weil, so Birnbacher, die Anerkennung subjektiver Rechte von Tieren den bereits bestehenden Schutz in Form von Tier- oder Artenschutzrechten, auf bemerkenswerte Weise intensivieren und effektivieren würde.

Die Schweizer Philosophin Ursula Pia Jauch, die auch der Tractatus Jury angehört, schloss den samstäglichen Diskussionsreigen mit Ihrem Vortrag zum Thema “Les animaux plus que machines”? Von Maschinentieren, Tierautomaten und anderen bestialischen Träumereien. In Ihrem Vortrag kam sie zum Schluss, dass Menschen sich weder menschlichem noch tierischem Leiden emotional verschließen können und dürfen, da es sich beim Tier um keinen Gegenstand und kein Objekt moderner Wissenschaft handle, über das die Menschliche Verfügungsgewalt nicht einzuschränken wäre. Ausgehend von Immanuel Kant und Adolph Freiherr von Knigge scheint es ihr heute sinnvoll, die Frage eines ethisch vertretbaren Maßes der Zweckrationalisierung von Lebendigem anzugehen. Und dabei zeige sich auch, dass der Umgang des Menschen mit dem Tier auch Indikator des Umgangs des Menschen mit seinesgleichen ist. Sowohl Kant als auch Knigge stellen die Frage in den Vordergrund, zu welchem menschlichen Zweck tierisches Leiden als Mittel in Kauf genommen werden dürfe. Sie fordern beide: Transparenz und öffentliche Diskussion bei der Bestimmung jenes menschlichen Zwecks, für den sich das Opfer tierischen Leidens rechtfertigen ließe. Dies jedoch ohne anderen mit dem moralischen Zeigefinger zu drohen. Somit ließe sich die Frage danach, ob die Inkaufnahme von teilweise massivstem tierischem Leiden ethisch vertretbar sei, zunächst nach der Transparenz der Fakten, dem Willen zu öffentlichen Diskussionen und dem Interesse am gesellschaftlichen Wohl bestimmen.

Die Frage nach der Ethik

Zum Abschluss des Philosphicum 2012 referierten am Sonntagvormittag der Philosoph Herwig Grimm und der Biologe Kurt Kotrschal zum Thema der Ethik. Grimm eröffnete den Sonntag mit seinem Vortrag „Das Tier an sich? Die Suche nach dem Menschen in der Tierethik.“ Dabei forderte Grimm einen völlig neuen Zugang. Anthropozentrismus und Speziesismus hätten ausgedient. Für eine grundlegende Änderung der Mensch-Tier-Beziehung und somit einer neuen Ethik im Umgang mit Tieren, fordert Grimm dazu auf, als Mensch den eigenen Standpunkt zu überdenken: „Tierschutz beginnt beim Menschen. Der Mensch in seiner Sonderrolle wird dabei zum Ausgangspunkt.“ Grimm spricht von der „Unvermeidbarkeit, die menschlichen Perspektive zu reflektieren“. Egal welcher Referenzpunkt gewählt werde, Menschen tragen die besondere Verantwortung sich über diese Referenzpunkte Gedanken zu machen und sie zu begründen, so der Wissenschaftler. Er schloss seine Suche nach dem Menschen in der Tierethik mit der mahnenden These: „Wer über Tiere spricht, macht den Menschen zum Thema.“

Mit Kurt Kotrschal vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien, ging das Schlusswort beim Philosophicum Lech 2012, das sich ganz der Mensch-Tier-Beziehung verschrieben hat, an einen Biologen. Kotrschal widmete sich in seinem Beitrag der Frage „Warum Menschen mit anderen Tieren sozial sein wollen und können“. Es war der passende Abschluss für die hochkarätigen Diskussionstage. Kotrschal legte dar, warum Menschen Beziehungen mit Tieren anstreben und warum diese möglich sind. „Sind diese in ihrem Wesen mit den Sozialbeziehungen zwischen Menschen vergleichbar?“, lautete seine Eingangsfrage. Er begründete diese Beziehung schließlich historisch, als in der Menschheitsgeschichte verankert: „Über die längste Zeit ihrer evolutionären Geschichte lebten Menschen als anpassungsfähige Jäger und Sammler in engem Kontakt mit Natur und Tieren. Daher sind Menschen biophil.“ Als generelles Merkmal aller Jäger- und Sammler-Kulturen gelte, dass sie Tiere als beseelte und denkende Wesen betrachten, als dem Menschen verwandt und gleichwertig. In diese Jäger und Sammler-Vergangenheit reichen auch die ersten menschlichen Versuche, Tiere zu zähmen, zurück. Für Kotrschal eine ganz besondere Spielart der menschlichen Neigung, Tiere zu sozialisieren. Insgesamt lasse der heutige Wissensstand bei aller gebotenen Vorsicht den Schluss zu, dass die Sozialfähigkeit von Menschen und anderen Wirbeltieren in sehr ähnlichen, stammesgeschichtlich oft herkunftsgleichen Strukturen und Mechanismen verwurzelt seien und dass auch das typisch menschliche Interesse an der Nähe zur Natur und zum Tier, seine „Biophilie“, ein evolutionär begründetes Wesens-, Art- und Alleinstellungsmerkmal des Menschen darstelle.

Philosophicum Lech 2013: „Ich. Der Einzelne in seinen Netzen.“

Das Philosophicum 2012 klang mit dem traditionellen Vorarlberg-Brunch aus, vor dem der wissenschaftliche Leiter, Konrad Paul Liessmann, zufrieden eine erste Bilanz zog. Rund 600 Gäste erlebten ebenso spannende wie hochkarätige Tage in Lech. Das interdisziplinäre Symposium, das heuer seine 16. Auflage erlebte, machte seinem Ruf als führende Philosophie-Veranstaltung im Alpenraum alle Ehre. Der Gastgeber des Philosophicum, Lechs Bürgermeister Ludwig Muxel, dankte dem Organisationsteam um Liessmann für die perfekte Abwicklung und lieferte bereits einen ersten Ausblick auf das nächste Philosophicum, das von 25. bis 29. September 2013 wieder in Lech stattfinden wird. Der Titel des Philosophicum Lech 2013 verspricht erneut hochkarätige Diskussionen und Referate am Puls der Zeit: „Ich. Der Einzelne in seinen Netzen.“

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