Penthouse-Haus

Von Isabella Marboe
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Penthouse-Haus
Auf einem flachen Grundstück in Ludesch setzte Architekt Reinhold Hammerer ein selten konsequentes Haus um: ohne Fliese, ohne Stufe, ohne Fuge, ohne Keller. Dafür ebenerdig, mit schwellenlosem Übergang von der Wohnküche zum Garten. Haus und Hof sind mit Cortenstahlplatten umgeben. Das hat Charakter, schafft Privatheit und blendet die Umgebung aus.

Wir sind keine Sammler und keine Horter!“, sagt Bauherr Wolfgang Walter. „Wir haben auch keine Hobbys, für die man viele Dinge bräuchte,“ ergänzt seine Frau Nicole. Beste Voraussetzungen also für ein puristisches Haus. Sein Briefing an Architekt Hammerer fasst der Bauherr so zusammen: „Keine Fliese, keine Stufe, keine Fuge.“ Und auch kein Keller. „Im Prinzip ist es eine Küche mit einem Haus drumherum,“ sagt Nicole. „Wir wollten wie in einer schönen, ebenerdigen Wohnung leben – aber auf eigenem Grund. Für uns ist es ein Penthouse-Haus.“

Reinhold Hammerer und der Bauherr kennen sich seit Kindertagen: Sie sind in derselben Gasse in Ludesch aufgewachsen. Lange schon war klar: Falls Wolfgang Walter je ein Haus bauen sollte, würde Reinhold Hammerer sein Architekt sein. Und so steht nun tatsächlich ein selten kompromissloses, ebenerdiges Haus ohne Fliese, ohne Stufe und ohne Fuge in Ludesch. Von außen ist das nicht gleich zu sehen, denn der raumhoch verglasten Südseite, die fugenlos auf die Terrasse am Garten übergeht, ist als eigenständige Konstruktion ein 4,50 Meter hohes Vordach mit Screens vorgesetzt. „Ich plane nur noch Häuser mit Vordach“, sagt Hammerer. „Diese offenen Glaspaläste bieten keine Privatheit.“ Außerdem wird es an südseitigen Glasfassaden ohne baulichen Sonnenschutz extrem heiß. Das Extra-Vordach verleiht dem Haus eine gewisse unorthodoxe Eleganz. Seine leichte Stahlkonstruktion setzt mit vier Stützen am äußeren Rand der dreieinhalb Meter tiefen Terrasse auf. Zwischen den Stützen sind weiße Sonnenscreens angebracht. So kann die Terrasse zum erweiterten Innenraum werden. Das Vordach schützt sie vor zu viel Sonne und Niederschlag und schafft eine faszinierende, klar definierte Zone zwischen Haus und Garten. Fugen- und stufenlos geht ihr Monofinish in den anthrazitgrauen Zementgußboden der Wohnküche über. „Es ist eine zusätzliche Raumschicht, wie ein Vorraum“, sagt Reinhold Hammerer. Unter dem baldachinartigen Trapezblechdach kann man bei Regen im Trockenen und bei Sonne im Schatten draußen sitzen und sich wie drinnen fühlen. Denn zwischen Wohnküche und Terrasse gibt es eine raumhohe Schiebetüre, mit der die Hälfte der Glasfassade zu öffnen ist.

So offen das Haus zum Garten ist, so geschlossen zeigt es sich nach außen. Das Penthouse mit Hof ist ein klares Rechteck: Knapp 22 Meter lang, acht Meter breit, gleitet es im Norden die Grundgrenze entlang. Hier ist es bis auf ein Oberlichtband, das direkt unter der weißen Decke in 2,90 Meter Höhe sitzt, komplett mit Cortenstahl verkleidet. Das Oberlichtband hat Lüftungsflügel, durchzieht als horizontaler Streifen die gesamte Hauslänge und lässt auch von Norden Tageslicht herein. So rückt es die Walsertalkante und den Walserkamm in den Blick: Nadelbäume, Bergkuppen, Himmel – und sonst nichts. Die Möbel wurden von der Kunsttischlerei Markus Juen perfekt umgesetzt: Unter dem Oberlicht gleitet eine weiße Küchenzeile an der Wand entlang, die alles bietet, was sich eine Hausfrau und Köchin nur wünschen kann. In der Mitte steht der Herdblock mit einer weit auskragenden Arbeitsplatte, die sich wunderbar als Frühstückstisch und für zwanglose Mahlzeiten der Kleinfamilie eignet. Die raumhohe, weiße Tür dahinter führt direkt ins Badezimmer. Öffnet man sie, haben die Eltern sofort die Wohnküche im Blick. Tochter Greta ist gerade dreieinhalb Jahre, Sohn Frederik elf Monate alt. Ihr Kinderbad liegt neben dem Haushaltsraum am Vorzimmer, das auch die zwei Kinderzimmer und die Wohnküche erschließt. Vor dem freien Herdblock steht an der Glasscheibe zum Garten ein 3,10 Meter langer Tisch aus Eiche, mit einem speziellen Verlängerungsstück bringt er es auf 3,60 Meter. Auch die schlichten Sitzbänke sind aus Eiche, die Wände mit weißem Lehm verputzt. Bis zu dreißig Familienmitglieder und Freunde haben hier schon gemeinsam gefeiert. Auch die beigen, raumhohen Vorhänge, mit denen sich sogar der Garten ausblenden und die Wohnküche zur lauschigen Schatulle verwandeln lässt, harmonieren mit allen anderen Materialien. Vor dem Bad im Westen schließt ein fast quadratisches Zimmer zum Lesen, Spielen und Fernsehen mit Direktzugang auf die Terrasse und Schiebetür zur Wohnküche an, dahinter beendet der Schlaf- und Schrankraum der Eltern die fugenlose Enfilade an Räumen. „Wir haben dieses Haus ganz eindeutig von innen nach außen entwickelt“, sagt Reinhold Hammerer. „Das äußere Erscheinungsbild ergibt sich dabei fast von selbst.“

Die Autos auf der Straße, die nahe ehemalige Hemdenmanufaktur, die Häuser, die womöglich künftig auf der üppigen Blumenwiese im Norden gebaut werden: All das ist von innen aus nicht zu sehen, denn die Cortenstahlplatten der rückseitgen Fassade wurden auf den Seiten weitergeführt und als eine Art zwei Meter hoher Zaun um den rechteckigen Innenhof gezogen. Diese zarte, aber blickdichte, vertikale Corstenstahlschicht folgt drei Meter vor der Grundgrenze exakt der Baufluchtlinie. Im Süden wurden auf dem Rasenstreifen vor der Wand drei weiß blühende Baummagnolien gepflanzt. Ihre wunderschönen Kronen ragen über die rostrote Cortenstahlfläche, die den Garten einfasst und verdecken genau die Bereiche der Nachbarbauten, die man ausblenden wollte. Die zwei Cortenstahl- türen, die den Zugang von außen ermöglichen, sind als solche nicht zu erkennen. So bleibt die Aussicht ästhetisch und die Privatsphäre geschützt.

„Cortenstahl schaut je nach Witterung anders aus, passt zur Natur, rostet einfach vor sich hin und braucht keine Pflege“, sagt Wolfgang Walter zufrieden. In der Mitte des Hofes liegt Fertigrasen. „Der war in ein paar Stunden verlegt“, erzählt der Bauherr stolz. Er sieht aus wie ein Fußballfeld vor dem Match, rundherum ist eine Pflanzschicht aus Kies verlegt: Dort ist Platz für Bäume, Vasen und Feuerschalen.

Daten & Fakten

Objekt Haus Familie Walter/Absenger, Einfamilienhaus, Ludesch
Eigentümer/Bauherr Wolfgang Walter, Nicole Absenger
Architektur HAMMERER Architekten GmbH, Ludesch (A), Aarau (CH), www.hammerer.co
Statik amiko bauconsult GmbH, www.amiko.at
Fachplaner Bauphysik: Ökoberatung Gebhard Bertsch, Ludesch
Planung 10/2014–5/2015
Ausführung 5/2015–3/2016
Grundstücksgröße 715 m²
Wohnnutzfläche 140 m²
Bauweise: Wärmegedämmter Planziegel 44 cm, Außenfassade aus Corhtenstahlplatten 2 mm, Innenwände Ziegelmauerwerk. Wände innen mit weißpigmentiertem Lehmputz, Sucoflexdachabdichtung (PVC-frei), 2 x 12 cm Dachdämmung + Gefälledämmung EPS, Fenster Holzfenster 3-fach Isolierverglasung, dunkel beschichtet. Heizung: Luftwärmepumpe. Wärmeverteilung über Fußbodenheizung. Böden Naturafloor (Quarzbeschichtung) bzw. in den Schlafräumen Eichendielen.
Besonderheiten Schiebeelemente in Eiche
Ausführung: Baumeister: Thöny Bau, Bludenz; Zimmerer: Holzbau Sutter, Ludesch, Fenster: Tischlerei Tiefenthaler, Ludesch, Elektro: Elektro Neyer Bludenz, Installateur: Egele, Vandans, Lehmputz: Preite, Bürs, Tischler: Handwerk+Design, Markus Juen, St. Gallen-kirch, Corthenstahlfassade/Stahlbau: Schlosserei Kobald, Bludenz, Beleuchtung: Lichtfaktor Feldkirch, Licht&Wärme Raggal
Energiekennwert 22 kWh/m² im Jahr
Baukosten ca. 450.000 Euro

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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