Frau tötet eigene Familie und erschießt sich selbst

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Eine Frau hat in der Marktgemeinde Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten-Land) offenbar ihre Mutter, ihren Bruder und ihre drei Kinder im Alter von sieben und zehn Jahren erschossen. Dann tötete sie sich selbst. Die Bluttat war am Donnerstag in einem Wohnhaus im Böheimkirchner Ortsteil Schildberg entdeckt worden. Was zu der unfassbaren Bluttat geführt hatte, war am Abend noch völlig unklar.

Die Ermittlungen wurden unter der Führung der Staatsanwaltschaft St. Pölten eingeleitet. Dort gab man sich bedeckt. Leiterin Michaela Schnell wollte lediglich den Fund von sechs Leichen – darunter drei Kinder – bestätigen. “Wir gehen von Fremdverschulden aus”, sagte sie gegenüber der APA.

grafikno

Dass die Mutter die Täterin ist, wollte Schnell “so nicht bestätigen”. “Das ist Stand der Ermittlung”, meinte sie. Die Tat dürfte aber bereits mehrere Tage zurückliegen. “Der Arbeitgeber eines Opfers hat die Behörden verständigt, weil die Person länger nicht zur Arbeit erschienen ist”, sagte die Leiterin.

Wann das Verbrechen stattgefunden hat, soll unter anderem die Obduktion der Leichen beantworten. Wann mit einem ersten Ergebnis zu rechnen ist, konnte Schnell nicht sagen. Auch ob die Tatwaffe illegal im Besitz eines Bewohners war bzw. auf wen sie gemeldet war, war noch nicht bekannt.

Familie lebte offenbar sehr zurückgezogen

Bei der mutmaßlichen Täterin handelt es sich, so weit bekannt, um eine 35-jährige Frau. Die Opfer sind ihre 59- oder 60-jährige Mutter, ihr 40-jähriger Bruder sowie ihre drei Kinder, zehnjährige Zwillingssöhne und eine siebenjährige Tochter. Die Familie, die erst seit gut einem Jahr in das ehemalige Gasthaus eingezogen war, lebte offenbar sehr zurückgezogen. In der Umgebung des Tatorts hieß es unisono, die erst vor gut einem Jahr zugezogene Familie sei nicht bekannt gewesen.

Ehemaliges Gasthaus Schauplatz einer Bluttat

Das Gebäude in Böheimkirchen, das zum Schauplatz der Bluttat wurde, war früher einmal ein Wirtshaus. Nach der Schließung der Gastwirtschaft sei die Familie – drei Generationen – eingezogen, habe aber sehr zurückgezogen gelebt, sagte die Nachbarin.

Fassungslosigkeit in der Bevölkerung

20 Jahre lang hatte er das nahe der Westbahn gelegene Gasthaus geführt, ehe er das Gebäude vor gut einem Jahr an die aus der Umgebung stammende Familie verkaufte, erzählte der vormalige Gastronom, dessen Tochter noch im Nachbarhaus wohnt, der APA. Er beschrieb die Familie als “unauffällig”. Es seien keine Streitereien vorgefallen bzw. bekannt geworden.

Nach seinen Angaben hatte der ehemalige Hauseigentümer am Donnerstag um 11.00 Uhr einen Anruf von der Polizei erhalten. Er wurde nach dem Zugang zu dem Gebäude gefragt, weil die Beamten das Haus überprüfen wollten. Die drei schulpflichtigen Kinder seien nämlich bereits seit drei Tagen vermisst worden.

Unter der Bevölkerung herrschte Fassungslosigkeit. Bürgermeister Johann Hell (SPÖ) zeigte sich über die Tragödie erschüttert: “Wir sind alle betroffen.” Er habe die in die Katastralgemeinde zugezogene Familie nicht persönlich gekannt. Es sei nichts über sie bekannt gewesen, sprach Hell gegenüber der APA von einer scheinbar “ganz normalen Familie” – hineinschauen, hinter Mauern und in die Menschen, könne man nirgends.

Er wisse nicht einmal den Namen, meinte ein Mann, der seit 17 Jahren hier wohnt: “Sonst kennen sich hier alle.” “Nicht einmal vom Sehen” hatten drei Berufstätige die Familie gekannt. Sie kamen gerade von der Arbeit zurück und meinten, es sei ein “Wahnsinn”, was da passiert ist. Eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren war, empfand es als etwas “sonderbar”, dass die Familie offenbar gar keinen Kontakt wollte. Die Familie sei auch nie draußen gewesen, sondern immer im Haus gewesen – auch die Kinder, meinte sie. Ihre neunjährige Tochter kannte die Kinder von der Schule.

“Es ist so schrecklich”, sagte ein älterer Herr. Er hatte gehört, dass die Mutter – und mutmaßliche Täterin – ihre Kinder in der Früh immer mit dem Bus zur Schule begleitet hatte. Am Nachmittag habe die Frau die Kleinen dann von der Bushaltestelle abgeholt und direkt nach Hause gebracht.

Frauen begehen eher “erweiterte Selbstmorde”

Dass eine Frau ihre Familie und dann sich selbst erschießt, bewertete Gerichtspsychiater Reinhard Haller als außergewöhnlich. Demnach liege bei Frauen bei derartigen Bluttaten meist ein “erweiterter Selbstmord” vor. “Sie sind oft depressiv und wollen ihre Liebsten in eine vermeintlich bessere Welt mitnehmen.” Es sei sehr selten, dass eine Frau ihre Opfer erschieße. Es sei daher auch möglich, dass eine psychiatrische Erkrankung vorgelegen ist und die Frau unter Wahnvorstellungen gelitten hat.

Beim wesentlich öfter vorkommenden “erweiterten Mord”, der in der Regel von Männern begangen wird, ist die Motivlage eine vollkommen andere: Hier wird etwa bei einem Rosenkrieg ein gezielt gewaltsamer finaler Schlusspunkt gezogen. Beim “erweiterten Selbstmord” ist das Motiv hingegen ganz anders. “Die Motivlage ist altruistisch”, sagte Haller. Täter empfinden eine Situation als vollkommen aussichtslos und möchten auch nicht, dass ihre Liebsten sich diesem Umstand noch länger aussetzen müssen.

Böheimkirchen ist eine Marktgemeinde im Mostviertel im Bezirk St. Pölten in Niederösterreich. Laut Statistik Austria gab es mit Stichtag 1. Jänner 2016 insgesamt 5.043 Einwohner. Das Gemeindegebiet umfasst 27 Ortschaften, darunter auch Schildberg.

Bluttaten in der Familie – Eine Chronologie

In den vergangenen Jahren sind in Österreich mehrfach unfassbar erscheinende Bluttaten mit Angehörigen als Opfer verübt worden. In der Regel sind die Täter männlich. Bereits 22 Jahre zurück liegt ein Fall in Niederösterreich, in dem ein 18-Jähriger seine Eltern, den jüngeren Bruder und eine Tante erschossen hat und Selbstmord beging.

1. Dezember 2016: In einem Haus in Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten) werden sechs Leichen gefunden. Nach vorläufigen Informationen hat eine Frau ihre drei Kinder im Alter von sieben bis zehn Jahren, ihre Mutter und ihren Bruder erschossen und Selbstmord verübt.

2. Oktober 2016: Ein Polizist erschießt in Wien seine schwangere Freundin und erwürgt am nächsten Tag seinen 21 Monate alten Sohn. Der 23-Jährige täuscht erst eine Abgängigkeit der jungen Frau und des Kindes vor. Der Fall wird nach mehreren Tagen geklärt, der Polizist legt ein Geständnis ab. Da der Fall noch nicht gerichtlich aufgearbeitet ist, gilt für ihn die Unschuldsvermutung.

27. März 2013: In Marchegg (Bezirk Gänserndorf) tötet ein Mann seine Frau und seine Tochter mit einer Schusswaffe. Dann bringt sich der 48-Jährige um. Das Einsatzkommando Cobra wird wegen einer angeblichen Geiselnahme angefordert. Als das Verhandlungsteam aber keinen Kontakt zu dem angeblich in einem Einfamilienhaus verschanzten Mann herstellen kann, verschaffen sich die Beamten Zutritt und entdecken die Leichen.

12. November 2012: Im Tiroler Bezirk Kufstein ersticht ein 51-jähriger Mann seine beiden 13 und 23 Jahre alten Söhne mit einem Küchenmesser und tötet sich danach selbst. Die heftige Gegenwehr der Opfer bleibt wirkungslos. Über das Motiv herrscht Rätselraten.

25. Mai 2012: Ein 37-jähriger Mann kommt in der Früh in eine St. Pöltner Volksschule und holt seinen achtjährigen Sohn und dessen siebenjährige Schwester aus den Klasse. Dem Buben schießt der Mann in den Kopf. Danach flüchtet der Täter und begeht Selbstmord. Der Bub erliegt zwei Tage später seinen Verletzungen. Auslöser der Tat ist möglicherweise der Umstand, dass seine Frau wegen Gewalt in der Familie die Scheidung eingereicht hat.

1. Juli 2008: Ein 66-Jähriger erschießt in Straßhof (Bezirk Gänserndorf) wegen Streitereien um eine Wohnung seine Schwester und seinen Bruder sowie deren Ehepartner und ergreift die Flucht. Rund eineinhalb Monate später wird er festgenommen und schließlich zu 20 Jahren Haft verurteilt.

13. Mai 2008: Ein 39-jähriger PR-Berater tötet mit einer Axt in Wien seine 42-jährige Frau und die gemeinsame siebenjährige Tochter. Dann fährt er nach Oberösterreich und bringt im Einfamilienhaus seiner Eltern in Ansfelden seine 69-jährige Mutter um, als ihm diese die Tür öffnet. Seinen im Fernsehsessel im ersten Stock des Gebäudes schlafenden Vater tötet er ebenso. Schließlich erscheint der Täter noch bei seinem Schwiegervater in Linz und bringt den 80-Jährigen ebenfalls mit der Axt um. Das Motiv des Mannes, der sich in der darauffolgenden Nacht der Polizei stellt: Er hat seinen Angehörigen die Schmach seines finanziellen Ruins ersparen wollen.

9. Jänner 2006: Ein niederösterreichischer Frühpensionist tötet nach einem Streit mit seiner Frau in Mauerbach bei Wien beinahe seine gesamte Familie. Die älteste Tochter findet ihre vier Geschwister im Alter von sieben bis zehn Jahren erdrosselt bzw. mit durchgeschnittener Kehle. Der 50-Jährige hat zuvor seine Ehefrau krankenhausreif geprügelt und begeht nach der Tat Selbstmord.

12. Oktober 1994: Ein 18 Jahre alter HTL-Schüler erschießt im Bezirk Amstetten mit einer Pump-Gun seine Eltern, seinen vier Jahre jüngeren Bruder und eine Tante. Dann begeht er Selbstmord, indem er mit einem Auto gegen eine Hausmauer rast. Der Bursch dürfte sich gegenüber dem Bruder benachteiligt gefühlt haben, was tiefen Hass in ihm auslöste

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