“Liebesfabrik” am Amazonas

Non-Profit-Firma macht Kondome aus Dschungel-Latex. Non-Profit-Firma macht Kondome aus Dschungel-Latex. - © AP
Tief im Amazonas-Becken in Brasiliens abgelegenem Norden schneidet Raimundo Pereira fachmännisch Rillen in einen Kautschukbaum. Den weißen Saft liefert er an die Natex-Kondomfabrik in Xapuri – für die weltweit einzigen Kondome aus Regenwald-Latex. Das von den Einheimischen “Liebesfabrik” genannte Non-Profit-Unternehmen wurde 2008 unter Ex-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva gegründet.

Es soll den Kautschukzapfern gut bezahlte Arbeit bieten und die Regierung im Kampf gegen Aids unterstützen. Pereira arbeitet zügig und präzise, schließlich macht er diese Arbeit seit seinem neunten Lebensjahr. Damals begleitete er seinen Vater, der ebenfalls als Kautschukzapfer arbeitete – wie auch sein Großvater. “Und mit 51 Jahren mache ich es immer noch”, erzählt er. “Ich mag diese Arbeit, weil die Luft hier sauber ist. Ich werde weitermachen, solange mein Körper durchhält.” Lesen und Schreiben hat Pereira nie gelernt, doch wisse er viel über “Produkte aus dem Wald und über Heilpflanzen”, sagt er. “Heute denke ich nicht mehr darüber nach, Lesen zu lernen. Ich bin stolz, weil die Fabrik mich in die Gesellschaft integriert und mir einen besseren Lohn gegeben hat.”

Zwei Fliegen mit einer Kondom-Klappe

Die Regierung finanzierte das Unternehmen im Bundesstaat Acre mit umgerechnet fast zehn Millionen Euro. “Zum einen sollte es eine brachliegende Industrie wiederbeleben, als die Preise für Kautschuk eingebrochen waren, aber gleichzeitig sollte damit der Kampf gegen Aids mit der kostenlosen Verteilung von Kondomen unterstützt werden” sagt Fabrikdirektorin Dirlei Bersh. Als das Werk eingeweiht wurde, war Verhütung im vorwiegend katholischen Brasilien noch ein Tabuthema. “Am Anfang haben sich die Leute lustig gemacht”, erinnert sich Bersh. “Aber heute sind die 170 Natex-Angestellten stolz auf die Rolle, die die Fabrik in der Aids-Prävention spielt.”

Den Kautschuk wiederbelebt

Natex produziert heute rund hundert Millionen Präservative – oder “Venushemdchen”, wie sie auf Portugiesisch heißen – und damit ein Fünftel der jährlich von den Gesundheitsbehörden kostenlos ausgegebenen Menge. Damit wurde eine lange Tradition wiederbelebt: Im späten 19. Jahrhundert verhalf Kautschuk der Region zu Wohlstand, damals entstand etwa das imposante Opernhaus in der Stadt Manaus mitten im Regenwald. Doch als von 1912 an Malaysia und Sri Lanka effizienter und in größeren Mengen Latex produzierten, verlor Manaus sein Produktionsmonopol. Briten hatten während des Kautschukbooms Samen aus der Amazonas-Region nach Asien geschmuggelt.

Brasiliens Gummis sind besser

In Brasilien sind 730.000 Menschen HIV-positiv. Das Land ist Vorreiter im Kampf gegen Aids, Infizierte und Kranke werden kostenlos behandelt. Dazu trägt auch Natex bei: “Natex ist die einzige Kondomfabrik weltweit, die ‘heimisches’ Latex verwendet. Seine Elastizität und Reißfestigkeit sind dem des Plantagen-Latex, der vor allem aus Malaysia eingeführt wird, weit überlegen”, betont Bersh. Insgesamt wurden 700 Kautschukzapfer-Familien in der Region angeworben, 489 lieferten dieses Jahr 250 Tonnen natürlichen Gummi, für überdurchschnittliche Bezahlung: “Kautschukzapfer erhalten acht Reais (2,50 Euro) pro Kilo Kautschuk, das liegt 270 Prozent über dem Marktpreis”, erklärt Bersh.

“Wäre Chico Mendes noch am Leben, er wäre glücklich, dass der Kampf, den er begann, noch immer Früchte trägt”, glaubt Zapfer Pereira. “Sein Traum war es, den Wald leben zu sehen.” Der Arbeiterführer und Umweltschützer hatte sich für eine nachhaltige Nutzung des Regenwaldes eingesetzt und wurde 1988 in Xapuri von Großgrundbesitzern erschossen.

(APA)

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