„Leider ist diese Gesinnung zu uns rüber geschwappt“

Von W&W/Joachim Mangard
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Mediendesigner Ömer Mutlu stammt aus Frastanz und betreibt in Deutschland die "Kunst & Kültür"-Plattform
Mediendesigner Ömer Mutlu stammt aus Frastanz und betreibt in Deutschland die "Kunst & Kültür"-Plattform - © Mirza Odabasi
Ömer Mutlu (30) lebte 15 Jahre in Frastanz und mittlerweile in Dortmund. Mit W&W sprach der Mediendesigner über das brisante Thema Türkei.

WANN & WO: Wie erlebst du die Debatte um den türkischen Wahlkampf in Deutschland?

Ömer Mutlu: Solange ich die Zeit dafür finde, versuche ich, mir einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Bei der Dichte an Nachrichten fällt es mir nicht leicht, immer auf dem aktuellsten Stand zu sein. Aber ich denke schon, dass ich einen guten Gesamtüberblick habe, was die Entwicklungen in der Gesellschaft und der türkischen Community angeht. Mittlerweile nervt es, dass man, egal wo man ist, immer irgendwie doch auf dieses Thema kommt.

WANN & WO: Du betreibst ja die „Kunst & Kultür“-Plattform. Wie ges­­taltet sich die Türkei-Diskussion auf dieser doch liberaleren Ebene?

Ömer Mutlu: In erster Linie sind wir ein kreatives Online-Magazin, welches sich die Aufgabe gemacht hat, zwischen Menschen zu vermitteln, die positiven und schönen Seiten zu zeigen und unsere Medienlandschaft in Europa gemeinsam mitzugestalten. Tagesaktuelle Politik aus der Türkei liegt nicht in unserem Interesse. Sie betrifft uns nicht direkt und wir sind keine Nachrichten-Plattform. Was uns jedoch sehr wohl betrifft ist, wenn in Deutschland/Österreich, in der Gesellschaft, in der wir leben, türkische Politik gemacht wird. Wenn ein Minister nach Deutschland kommt, eine Frau vor laufender Kamera sagt, „dass sie Allah, den Propheten und jetzt auch noch Erdoğan hat“ frage ich mich schon, ob das nicht ein wenig zu viel des Guten ist. Das anzusprechen, auf Missstände hinzuweisen, Fragen zu stellen, auch das zählt zu unseren Aufgaben.

WANN & WO: Wurdest du selbst schon Opfer von Attacken aus „radikaleren“ Lagern?

Ömer Mutlu: Nein, es nervt mich aber, dass die Zeugen Jehovas ständig bei uns klingeln und mit mir quatschen wollen. Ich persönlich wurde nicht angefeindet, aber unser Magazin schon des Öfteren. Wir wurden von Kurden als türkische Faschos beschimpft und von Türken als Vaterlandsverräter. Für die Konservativen sind wir zu liberal und für die Liberalen zu konservativ. Wir kommen schon klar damit, denn zum Glück bekommen wir viel mehr positives Feedback.

WANN & WO: Du bist ja selbst ein „Exil-Vorarlberger“ mit türkischen Wurzeln. Ein Blick auf deine alte Heimat: Wie beurteilst du die Integrations-Debatte in Vorarlberg?

Ömer Mutlu: Ich war 15, als ich Vorarlberg verließ. Das ist jetzt genau 15 Jahre her. Ich habe die eine Hälfte meines Lebens dort und die andere hier verbracht. In diesem Zeitraum hat sich in Österreich bestimmt sehr vieles getan. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass ein nationalistisch gesinnter Mann die Wahl zum Präsidenten nur knapp verloren hat. In den letzten zehn Jahren bin ich neun Mal umgezogen, habe in Dortmund, Köln und Berlin gelebt und sehr viel zu diesen Themen veröffentlicht, gefilmt, diskutiert, Projekte gestartet uvm. Wie die aktuelle Situation in Österreich ist, weiß ich nicht. Ich habe aber das Gefühl, dass ihr in vielen Sachen hinterherhinkt. Zum Beispiel habe ich mir einmal eine Talkshow aus Wien angeschaut. Ich habe mir das Wienerische wirklich angetan. Der Rapper Nazar war eingeladen und es ging irgendwie wieder um Integration, Identität usw. Die Sendung hätte vor zehn Jahren mit Bushido in Deutschland stattfinden können. Das Wording der Gäste und des Moderators, die Inhalte, die Art und Weise, so waren wir in Deutschland wie gesagt, vor zehn Jahren drauf, dachte ich mir. Dazu kommt, dass Österreicher von ihrer Grundeinstellung meist etwas konservativer sind. Aber vielleicht täusche ich mich da auch, und es ist nur ein doofes Vorurteil.

WANN & WO: Stichwort „Austro-Türkei“: Wieso fühlen sich viele Türken hierzulande oder in Deutschland so zu Erdoğan hingezogen?

Ömer Mutlu: „Franko-Türken“, „Austro-Türken“ oder „Deutsch-Türken“ sind schlimme, richtig schlimme Bezeichnungen, weil sie trennen anstatt zu verbinden. Man trennt die Türken untereinander einerseits, was der „Sultan vom Bosporus“ beispielsweise eben nicht macht, andererseits trennt man sie aber auch von der Gesellschaft, in der sie leben. Der „Deutsch-Türke“ beispielsweise war am Anfang der „Gastarbeiter“ (zwischendurch auch gerne mal Kanake genannt). Dann wurde er zum Ausländer. Irgendwann dann zum „Menschen mit Migrationshintergrund“ und heute eben „Deutsch-Türke“. Ich habe leider keine bessere Alternative für ein mediales Wording, denn darum geht es. Persönlich muss ich die Leute nicht mit ihrer Nationalität betiteln. Ich finde den europäischen Gedanken gut und wichtig. Wir sind alle Europäer. Deutsche, Österreicher, Franzosen, Türken, Kurden, Jugoslawen, Bosnier, Polen – somit wären wir alle vereint, zumindest in der Theorie. Vielleicht ist der Gedanken aber zu naiv.

WANN & WO: Wie beurteilst du Erdoğans Politik?

Ömer Mutlu: Ich würde mich mit Erdoğan so gerne mal auf einen Kaffee treffen und mit ihm über Gott und die Welt reden. Er ist bestimmt ein sehr herzlicher Opa – im Privaten. Sehr durchdacht, charismatisch und auch manchmal witzig. Als Politiker aber rastet er vor allem kurz vor dem Referendum einfach mal vollkommen aus. Er spaltet das Volk, lässt unzählige Journalisten, Lehrer, Akademiker und Beamte suspendieren und sogar inhaftieren, versucht die Opposition mundtot zu machen, steckt die Vorstände der prokurdischen Partei HDP in den Knast. Als ob das nicht reicht, kommen aus der AKP-Richtung Aussagen wie, dass alle, die gegen das Referendum sind, Terroristen seien. Und das Allerschlimmste ist, dass diese Gesinnung leider sogar zu uns rüber geschwappt ist. Das finde ich sehr traurig und gefährlich. Ich meine, er verhält sich wie ein drittklassiger „Noname“-Politiker, ist aber der Präsident der ganzen Türkei. Er, der 74 Mio. Menschen repräsentieren sollte, verhält sich so, als wäre er nur der Präsident von AKP-Wählern. Irgendwie wirkt er auf mich manchmal wie der türkische Trump. Nur mit dem Unterschied, dass Trump einen „Businessmann“ und er einen „Religionslehrer“ als Beigeschmack hat.

WANN & WO: Wie stehst du zur „Doppelstaatsbürgerschaft“ und dem Wahlrecht für die Türkei?

Ömer Mutlu: Ich denke nicht, dass das Problem die doppelte Staatsbürgerschaft für Türken ist, sondern die Doppelmoral, mit der sie behandelt werden. Wieso ist es bei Russen, Polen und anderen kein Problem? Wieso wird bei denen kein Politikum daraus gemacht? Wird es nur bei Türken auf einmal zu einer „Loyalitätsfrage“? Wieso redet eigentlich keiner über drei Pässe? Wieso braucht man überhaupt einen? Ich finde, die doppelte Staatsbürgerschaft sollte entweder für alle abgeschafft werden, oder alle sollten die gleichen Rechte und Pflichten bekommen, ohne irgendwelche Sonderregelungen. Als Österreicher mit türkischen Wurzeln, der in Deutschland lebt, fände ich einen Europa-Pass am schönsten. Übrigens definiere ich mich über tausend andere Dinge, bezogen auf meine türkische Identität. Ein Stück Papier gehört nicht dazu. Wobei es eben nicht nur ein Stück Papier ist. Würde man jeder Person, die in dem Land geboren wurde, automatisch die Staatsbürgerschaft des Landes geben, wäre sie für Politiker ihrer Herkunftsländer auch uninteressant. So werden sie aber instrumentalisiert und für politische Zwecke missbraucht. Verpackt in Nationalstolz und Zugehörigkeitsgefühle. Schlussendlich geht es ja auch ihnen nur um die Stimmen.

WANN & WO: Verspielt sich die Türkei momentan ihre Chance auf eine EU-Mitgliedschaft?

Ömer Mutlu: Vergangene Woche hat Erdoğan in Ankara offiziell bestätigt, dass er nichts von einer Mitgliedschaft hält. Ich frage mich, wie sich türkische Politik entwickelt hätte, wenn damals Merkel und Sarkozy die Beitrittsverhandlung nicht für beendet erklärt hätten. Das war meines Erachtens ein großer Fehler. So hat sich verständlicherweise die Türkei neu orientiert. Schade, dass die Türkei nur auf ihre NATO-Mitgliedschaft und den Flüchtlingsdeal reduziert wird. Europa sollte nicht immer so überheblich sein und die Türkei einfach mal akzeptieren, so wie sie ist. Man kann nicht immer nur Bedingungen stellen. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Vielleicht hätte sich die Türkei komplett anders entwickelt, sie war ja auf einem sehr guten Weg.
Vielleicht.

WANN & WO: Die Politik pflegt gerade im Zusammenhang mit dem Islam einen immer schärfer werdenden Umgangston. Wie beurteilst du diese Situation?

Ömer Mutlu: Im Grunde geht es nicht um „den Islam“. Eigentlich geht es um soziale Ungerechtigkeiten und Geopolitik. Es spielt keine Rolle, ob du Türke, Deutscher oder Österreicher bist. Ob Muslim, Christ oder Jude. Es geht darum, ob du aus einem sozial schwachen Haushalt kommst oder reiche Eltern hast. Ob du gebildet bist oder ungebildet. Ob du guten Zugang zur Bildung und Gesellschaft hast oder nicht. Die Reichen sind überall reich und die Armen überall arm. Es geht darum, Solidarität mit Unterdrückten zu zeigen. Unser Prophet hat gesagt: „Wer mit vollem Bauch zu Bett geht, während sein Nachbar hungert, kann kein guter Muslim sein.“

WANN & WO: Wie stehen deine Freunde, Verwandte und Bekannte zum Thema? Wie wird in deinem Umfeld diskutiert?

Ömer Mutlu: Diskussion gibt es eigentlich nicht. Entweder bist du dafür oder dagegen. Leider gibt es mittlerweile keine Mitte mehr. Die Lager sind zu krass gespalten. Mal schauen, was am 16. April passiert.

WANN & WO: Wie können wir es schaffen, an einem „Gemeinsamen Miteinander“ zu arbeiten?

Ömer Mutlu: Gemeinsam. Miteinander. Arbeiten. Die Antwort steckt schon in deiner Frage. Nur so können wir es schaffen, nachhaltig für eine schöne Zukunft zu sorgen. Wir sollten uns nicht nur die Frage stellen, was in ein, zwei Jahren passiert. Sondern, was in zehn bis zwanzig Jahren passiert. „Wenn es dir hier nicht passt, dann geh doch nach Hause.“ Jahrzehnte lang schon schlummert diese Einstellung im Unterbewusstsein von sehr vielen. Aber was heißt das: „Dann geh doch nach Hause?“ Das ist genau die Art von Rhetorik, die Erdoğan ausnutzt. Erdoğan ist der Auslöser, dass das offen ausgesprochen wird aber nicht der Grund. Hat sich schon mal jemand die Frage gestellt, dass genau durch solche Äußerungen, sich Menschen nie angekommen fühlen werden? In unserer Gesellschaft wird sich dann erst was ändern, wenn wir das nächste Mal mit einer Selbstverständlichkeit über Kunst und Kültür reden und nicht über Erdoğan und AKP.

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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