Lebensräume Gartenträume

Von Martina Pfeifer Steiner
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Lebensräume Gartenträume
© Darko Todorovic
Wichtiger Ort der Industriegeschichte Vorarlbergs ist das Areal der ehemaligen Maschinenfabrik und Gießerei Rüsch. Weitsichtige Entscheidungen zur Stadtentwicklung schenkten Dornbirn hier vor fünfzehn Jahren ein „Erlebnis Naturschau“ und Lebensraum von großer Qualität.

Stellen wir uns Manhattan ohne Central Park vor. Die Metropole würde nicht funktionieren, wenn diese Vision nicht gedacht und verwirklicht worden wäre. Dass Architektur für den Ort gebaut wird und die Atmosphäre eines Bauwerkes im Zusammenhang mit dem Freiraum entsteht, ist erwiesen. Ebenfalls, dass die Lebensqualität einer Stadt, eines Ortes, einer Siedlung vom Zwischenraum bestimmt wird, der mit dem Gebauten entsteht. Dornbirn ist nicht mit NYC vergleichbar, doch es stand auch hier eine Idee am Anfang einer erfolgreichen Weichenstellung für die Stadtentwicklung. Mit dem Beschluss der Stadt Dornbirn, das Rüsch-Areal zu kaufen und im Endeffekt die Alte Naturschau in die brachliegenden Kubaturen der Montagehalle, Gießerei, Dreherei und der Schmiede zu siedeln und zur „inatura“ zu wandeln, sowie einen Gestaltungswettbewerb für eine öffentliche Grünanlage als „zentralen Erholungs- und Kommunikationsraum für die Dornbirner Bevölkerung und ihre Gäste“ auszuschreiben, war der Grundstein für ein neues, attraktives Wohnquartier in Zentrumsnähe gelegt. Rotzler Krebs Partner Landschaftsarchitekten aus der Schweiz konnten damals den Wettbewerb gewinnen und es war ein erstes rigoroses Parkprojekt in Vorarlberg.

Die umliegenden Wohnanlagen auf den Ölz-Gründen und dem Sägerei-Gelände entstanden erst später und nutzen heute so selbstverständlich die Gunst des Standortes am Stadtgarten. Worin könnte nun der Unterschied liegen, ein Haus oder einen Garten zu beschreiben? Es wird bei beiden um den Ort gehen, auf den das Werk reagiert, um die Atmosphäre, die geschaffen wird, die Funktionen, Materialität, vielleicht wird es aber bei der Landschaftsarchitekturvermittlung poetischer.

Hauptthemen bei der Anlage des Stadtgartens wären die Geometrie der Fabrikanlagen und der unterirdische Kanal gewesen, berichtet Matthias Krebs. Im 18. Jahrhundert legte man einen künstlichen Mühlbach für Wasserkraft an. Aus Sicherheitsgründen war es beim neuen Park nicht möglich, den Wasserlauf zugänglich zu machen. Die Landschaftsarchitekten schaffen jedoch über Interventionen die Reminiszenz. Ein Wasserrad als Installation neben dem Museum schaufelt kontinuierlich Wasser aus dem Becken und lässt es wieder hinein platschen. Es gibt Kanalfenster und dann wieder grotesk im Weg stehende Horchrohre. Edukative Erklärungen sind bewusst vermieden, es geht um das Einlassen mit allen Sinnen. Nach dem für das ganze Industriegelände so prägenden, aber verborgenen Kanal richten sich der Verlauf von Baumreihen und die feldartig organisierten Parkräume. Wasser bestimmt auch den Museumsgarten im hinteren Bereich des Geländes. Das klargefasste, mit Seerosen und Binsen bepflanzte Betonbecken, zusammen mit der berankten Pergola, lässt die Menschen in eine andere Welt versinken und zur Ruhe kommen. Angrenzend daran eine Sukzessionsfläche mit Pionierpflanzen wie Königskerzen, Natternkopf und Disteln, die als Wildnis einen deutlichen Kontrast bilden. Die Spielwiese zur Nachbarschaft ist ebenfalls mit schnellwachsenden Birken bepflanzt, dort war also gleich am Anfang schon ein „richtiger“ Park.

Der Zugangsbereich folgt wieder klaren Linien und einer strengen Ordnung. Bäume aus aller Welt, nach Kontinenten geordnet, bilden eine imaginäre Weltkarte. Ginkgo, Blauglöckchenbaum, Esche, Scharlach-Eiche und unzählige andere Gehölze entfalten mit ihren Blättern und Baumkronen ganz unterschiedliche räumliche Stimmungen. Alles läuft auf den zentralen, elegant-urbanen Hofraum zu, der zwischen den alten Gemäuern, wo der Kunstraum untergebracht ist, und der inatura entsteht. Kommt man vom Parkplatz her, durchquert man auf verschlungenen Wegen den verwilderten Fabrikantengarten mit alten Koniferen und Parkbäumen, umfasst von Buchshecken und weißblühenden Strauchrosen. Zur Straße hin wird der Stadtgarten wieder präzise gerahmt. In Erinnerung an die ehemals harte Abgrenzung des Industriegeländes bilden die hohen, schräg gestellten Stahlstaketen einen durchlässigen räumlichen Abschluss.

Und der Kinderspielplatz? Dieser nimmt die heutige Tendenz zur Spiellandschaft vorweg. Etwas abgelegen bilden Weidenhecken vielschichtige Inseln, die durch Kriechrohr und höhenmäßig kindgerechte, bunte Eingangstunnel zu erreichen sind, verhangen mit der kitzelnden Pflanzenschicht aus Chinaschilf. Und plötzlich tun sich doch die grünen Kammern mit Sandplatz, Schaukel und Rutschen auf. Gartenträume werden wahr.

Daten & Fakten

Projekt Stadtgarten bei der inatura, Dornbirn
Bauherr Stadt Dornbirn
Landschaftsarchitektur Krebs und Herde Landschaftsarchitekten Winterthur | vormals Rotzler Krebs Partner Landschaftsarchitekten www.rkp.ch
Architektur inatura Arbeitsgemeinschaft Dietrich | Unter; trifaller, Bregenz und Kaufmann-Lenz, Schwarzach Wettbewerb 2000 (1. Preis)
Planung 2001
Ausführung 2003
Fläche 23.500 m²
Parkzonen Arboretum; Rüschhof vor der inatura; Wassergarten; Spielwiese; Dornrös-chengarten; Kanalplatz; Spielplatz; Museumsgarten
Besonderheiten Aboretum: Gehölzsammlung in Baumlinien zusammengefasst, Bäume von allen Kontinenten als imaginäre Weltkarte
Ausführung Projektteam: Matthias Krebs, Simon Schweizer, Stefan Rotzler; Bauleitung: Kurt Rau Landschaftsarchitekt, Ravensburg (D)
Baukosten (1-6) ca. 1,16 Mill. Euro

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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