Kurieren kommt vor operieren

Von Marlies Mohr
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Kurieren kommt vor operieren
Bei Schmerzzuständen sollten nicht-operative Möglichkeiten bevorzugt werden.

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Es lässt sich die Welt nicht in einer Stunde erklären und die Begrifflichkeit von Schmerz erst recht nicht. „Wir könnten Stunden und Tage darüber reden“, verdeutlichte OA Dr. Arno Martin den Besuchern des Mini Med Studiums die Dimension dieses Themas. Deshalb beschränkte sich der an der Orthopädie im LKH Feldkirch tätige Oberarzt auf Allgemeines und Spezielles, das die Menschen plagt. Dazu zählen vor allem Schmerzen im Rücken und solche, die durch Abnützung von Gelenken entstehen.

Schmerzgedächtnis

Der Cubus in Wolfurt war einmal mehr bis auf den letzten Stuhl besetzt. Kaum verwunderlich, schließlich zwickt und zwackt es jeden einmal da und dort. „Wir jammern zwar über Schmerzen, müssen aber froh sein, etwas zu spüren“, sagte Arno Martin. Nur auf diese Weise könne der Körper signalisieren, dass ihm Gefahr drohe. „Schmerz sollte also immer ernstgenommen werden“, betonte der Orthopäde. Geschieht das nicht, bildet sich im Gehirn ein nur mehr schwer zu löschendes Schmerzgedächtnis. Es bleibt bestehen, selbst wenn sich der Zustand schon längst gebessert hat.

Schilderungen wichtig

Bei der Diagnose von Schmerz kommt es laut OA Martin sehr auf die Schilderungen der Betroffenen an. Wobei ein akuter Schmerz noch das kleinere Übel darstellt. „Er ist leichter zu verkraften weil man weiß, dass es nach einiger Zeit wieder besser wird“, so der Arzt. Akuter Schmerz charakterisiert sich beispielsweise als brennend, elektrisierend, spitz oder dumpf. Chronischen Schmerzen fehlen diese Definitionsmöglichkeiten. Sie zu therapieren ist außerdem schwieriger. Unbehandelt geraten Patienten allerdings in einen Teufelskreis aus noch mehr Schmerz, dem zwangsläufig ein Mangel an Bewegung und damit häufig die soziale Isolation folgt.

Der zeitweilige Einsatz von Schmerzmitteln sei da durchaus legitim. Eine Schmerztherapie erfolgt nach einem von der WHO vorgegebenen Stufenplan. Bringen Opioide keine Linderung, bleibt noch die Möglichkeit, Schmerzmittel direkt über die Venen in den Körper zu leiten. Als Begleitmedikamente gelangen mitunter auch krampflösende Mittel und Anti-Depressiva zur Verwendung.

Klare Haltung

Arno Martin vertrat die klare Haltung, zuerst alle kurativen Möglichkeiten auszuschöpfen, bevor an eine Operation gedacht wird. Das gilt vor allem bei Schmerzen im Rückenbereich. Kommt es etwa zu einem Bandscheibenvorfall sollte, so der Mediziner, nur operiert werden, wenn schwere Lähmungserscheinungen oder Funktionsverluste auftreten oder sich die Schmerzen nach längstens drei Monaten nicht bessern. „Früher wurde zwar mehr operiert, aber nicht unbedingt mit mehr Erfolg“, zeigte sich Martin selbstkritisch. OP-Risiken ließen sich nämlich nie gänzlich ausschalten. Dazu komme die große Schwierigkeit vorherzusagen, wer von einem Eingriff an der Wirbelsäule tatsächlich profitiere. „Die Kriterien sind diesbezüglich strenger geworden“, berichtete der Arzt von einer „ständigen Gratwanderung“ bei solchen Entscheidungen. VN-MM ##Marlies Mohr##

„Schifahren ist unvernünftig“

 Im Zunehmen begriffen sind Wirbelkanalverengungen. Der Grund: Es handelt sich um eine typische Erkrankung des höheren Alters. Die Wirbelsäule nützt sich ab, der Raum für das Rückenmark ist eingeengt, die Beweglichkeit eingeschränkt. Symptome sind unter anderem Schmerzen beim Stehen und Gehen, wobei Betroffene maximal noch 10 bis 400 Meter in einem Stück durchlaufen können. Die Therapie besteht vorzugsweise aus der Gabe von abschwellenden Medikamenten und physiotherapeutischen Maßnahmen. Es kann jedoch vorkommen, dass die Wirbelsäule operativ stabilisiert werden muss.

Zement stabilisiert

Bedingt durch die Zunahme an Osteoporose sind auch Wirbelbrüche weit verbreitet. Außerdem können bösartige Tumore und Entzündungen der Bandscheibe solche Wirbelbrüche verursachen. „Bei Entzündungen heißt es schnell handeln, denn sie sind mitunter lebensbedrohlich“, warnte OA Dr. Arno Martin. Im Normalfall heilen Wirbelbrüche von selbst, wachsen oft jedoch in einer falschen Stellung zusammen und verunmöglichen dadurch eine gerade Haltung. Als effizient hat sich das Auffüllen mit Zement erwiesen. „Nach 6 bis 10 Wochen ist der Patient schmerzfrei“, so Martin.

Unklare Ursachen

Hüft- oder Kniegelenksarthrosen sorgen bei Orthopäden ebenfalls für volle Terminkalender. Wer ein neues Hüft- oder Kniegelenk braucht, muss Wartezeiten von 6 bis 7 Monaten und länger einkalkulieren. Nach wie vor unbekannt sind die wahren Ursachen für eine Arthrose. Übergewicht, Sport, genetische Veranlagung: alles möglich, aber nichts gesichert. „Wir wären froh, wenn wir die Gründe kennen würden, dann könnte man nämlich vorbeugend tätig werden“, meinte Martin. Aber auch hier heißt sein Credo: ein neues Gelenk nur dann, wenn alle nicht-operativen Maßnahmen erfolglos geblieben sind. Und: Je später, desto besser. Denn: „Was wir da machen, ist nicht für die Ewigkeit. Auch ein Implantat nützt sich ab.“

Im Durchschnitt halten künstliche Gelenke 15 bis 20 Jahre. Sportliche Aktivitäten sind damit ebenfalls möglich. Lediglich das Schifahren hält Arno Martin für schlichtweg „unvernünftig“, weil ein Sturz alles wieder und endgültig zunichtemachen kann.

Fragen aus dem Publikum:

Wann sollte ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk eingesetzt werden?

Martin: Das bestimmt der Patient. Wenn aber die Schmerzen die Lebensqualität deutlich einschränken ist es sicher an der Zeit.

Der Vortrag als Video

Dieses Video steht leider nicht mehr zur Verfügung- weitere Videos finden Sie auf www.vol.at/video

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