Keine klaren Leoparden-Favoriten bei Filmfestival Locarno

Filme im neuen Palacinema von Locarno sehr gefragt
Filme im neuen Palacinema von Locarno sehr gefragt - © APA (KEYSTONE)
Einen Tag vor der Vergabe der Goldenen Leoparden am 70. Filmfestival in Locarno steht fest: Die Jury um den französischen Filmregisseur Olivier Assayas, , prominent besetzt auch mit der Burgschauspielerin Birgit Minichmayr (“Alle anderen”), hat keine leichte Aufgabe. Der diesjährige Wettbewerb glänzte mit außergewöhnlich vielen guten Filmen – im Gegensatz zur Piazza Grande.

Es mag auch am regenreichen Wetter der zweiten Festivalhälfte liegen, doch an vielen Tagen präsentierte sich in Locarno das gleiche Bild: eine eher mäßig besetzte Piazza Grande, dafür ausverkaufte Kinosäle im neuen Palacinema, im Fevi oder im Kursaal.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es an der Filmauswahl des künstlerischen Leiters Carlo Chatrian liegt. Während jene der Piazza Grande bei Besuchern und Filmkritikern – bis auf Ausnahmen wie “The Big Sick” oder “The Song of Scorpions” – für wenig Begeisterung sorgten, erlebte eine ganze Reihe Wettbewerbsfilme gefeierte Premieren.

Das ist nicht selbstverständlich, sind doch die Wettbewerbsbeiträge traditionellerweise die experimentellen und unzugänglicheren Filme. Zumindest letztere suchte man im Programm der Jubiläumsausgabe praktisch vergeblich.

Ein Favorit ist im Rennen um den Goldenen Leoparden, den die Jury am morgigen Samstag vergibt, nur schwer auszumachen. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten gehört etwa Travis Wilkersons politischer Dokumentarfilm “Did You Wonder Who Fired the Gun?”. Der in seiner Machart minimalistische Film ist eine beklemmende Aufarbeitung seiner eigenen Familiengeschichte im US-Südstaat Alabama, die einen nicht so schnell wieder loslässt.

Wilkersons Urgroßvater erschoss 1946 den Schwarzen Bill Spann, ohne dafür verurteilt zu werden. Der Regisseur, der bereits 2015 mit seinem Film “Machine Gun or Typewriter?” in Locarno zu Gast war, geht diesem Verbrechen nach und stößt auf Schweigen und Feindseligkeit. “Did You Wonder Who Fired the Gun?” ist nicht nur eine düstere Familiengeschichte, sondern auch ein filmisches Zeugnis des ungebrochenen Rassismus’ in den USA.

Ebenfalls in den USA spielt John Carroll Lynchs Wettbewerbsbeitrag “Lucky”, dessen schwarzer Humor an der Premiere für viel Gelächter sorgte. Der gleichnamige Protagonist ist ein kauziger, alter Mann in einem Wüstenkaff, der seiner Furcht vor dem Tod mit philosophischen Ergüssen entgegentritt. Der 91-jährige Harry Dean Stanton als Lucky darf sich Chancen auf einen Leoparden für den besten Darsteller ausrechnen.

Bei den Frauen gilt Johanna Wokalek als Favoritin. Ihr feinnerviges Porträt einer 40-Jährigen auf der Flucht vor sich selbst im Familiendrama “Freiheit” von Regisseur Jan Speckenbach bekam einhelligen Beifall.

Weniger massentauglich ist “Qing Ting zhi yan” (“Dragonfly Eyes”), Xu Bings Erstlingswerk. Der Chinese, eigentlich ein bildender Künstler, kreierte aus zahllosen Aufnahmen chinesischer Überwachungskameras einen Spielfilm. Bings experimentelles Werk feierte in Locarno eine restlos ausverkaufte Premiere – wobei längst nicht alle Zuschauer bis zum Schluss ausharrten.

Noch standen für Freitag zwei Wettbewerbspremieren auf dem Programm: der italienische Spielfilm “Gli asteroidi” sowie “En el séptimo dia”, ein US-Drama über papierlose mexikanische Einwanderer in New York. Der Goldene Leopard und der Publikumspreis für den besten Piazza-Film werden am Samstag zum Festivalabschluss vergeben, bei letzterem hat auch die deutsch-italienisch-österreichische Koproduktion “Iceman” eine Chance. Mit Astrid Johanna Ofners Spielfilmdebüt “Abschied von den Eltern” nach der autobiografischen Erzählung von Peter Weiss findet sich ein österreichischer Beitrag im Wettbewerb für Erst- und Zweitfilme (Cineasti del presente).

(APA/dpa/ag.)

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