Jährlich 600 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs Unmündiger

In Österreich werden jedes Jahr an die 600 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Unmündigen eingebracht. Die Dunkelziffer liege erfahrungsgemäß aber noch viel höher, sagte Katharina Schuchter, Präsidentin der Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie Österreich (PIKÖ) anlässlich einer Fachtagung zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen am Donnerstag in Wien.

In einer Schulklasse von 25 bis 30 Kindern sei zumindest ein Kind von sexuellem Missbrauch betroffen, sagte Irene Kautsch, Leiterin des Kinderschutzzentrums “die möwe” in St. Pölten. Sie riet Eltern und Lehrpersonen, auf das “innere Bauchgefühl” zu achten, nachzufragen und sich Unterstützung von Beratungszentren zu holen. Besteht der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs, kommt ein Apparat ins Rollen, bei dem unter anderem Ärzte, Sozialarbeiter und die Justiz beteiligt sind.

Anhand eines anonymisierten Fallbeispiels erläuterte Kautsch mit ihren Kollegen, wie komplex derartige Verfahren sein können: Wegweisung des Vaters, Einzug der Mutter mit Tochter ins Frauenhaus, Meldung bei der Kinder- und Jugendhilfe, Anzeigenberatung, forensische Untersuchung des Kindes durch eine Gynäkologin, kontradiktorische Vernehmung des Opfers, damit es bei der Hauptverhandlung nicht mehr dabei sein muss, Verhandlung und Verurteilung. “Die vielen Beteiligten sind im positiven Fall ein Netz, das hält”, so Kautsch. Das Ziel sei es, das betroffene Kind immer im Mittelpunkt zu sehen und Retraumatisierungen zu vermeiden. Doch nicht immer verlaufe der monatelange Prozess so reibungslos, vor allem, wenn die Verdachtslage nicht so eindeutig wie in diesem Fallbeispiel sei.

Bei 95 Prozent der Fälle könne man am gynäkologischen Befund nicht eindeutig sagen, ob das Kind auch wirklich missbraucht worden sei, betonte Bernd Herrmann, Kinderarzt und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin. “Wir haben schwangere Teenager, die einen unauffälligen Genitalbefund haben”, sagte Herrmann. Er forderte Spezialausbildungen für Rechtsmediziner, Kinderärzte und Gynäkologen. “Jeder Arzt, der mit Kindern zu tun hat, muss wissen, was er im Verdachtsfall zu tun hat.” Fatal sei die Schlussforderung: “Kein auffälliger Befund, also war da nichts”, kritisierte er. In Deutschland gäbe es darum das Zertifikat “Kinderschutzmedizin”, das nach ausreichender Erfahrung und Ausbildung verliehen werde.

Von einem Zertifikat ist in Österreich noch keine Rede. Die im März 2017 gegründete Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie (PIKÖ) setzt sich jedoch für Aus- und Fortbildungen von Ärzten ein und fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Beteiligten. Auf der Website der Plattform können Eltern nach ausgebildeten Ärzten für Kinder- und Jugendgynäkologie suchen.

(APA)

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