Hier spielt die Musik!

Von Verena Konrad
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Angeleitet werden die Teams von projekterfahrenen Kolleg(inn)en, um die Ideen möglichst umsetzbar zu entwickeln.
Angeleitet werden die Teams von projekterfahrenen Kolleg(inn)en, um die Ideen möglichst umsetzbar zu entwickeln. - © Matthias Rhomberg
… und mehr. Das poolbar-Festival lockt auch in diesem Jahr wieder nicht nur als Musikfestival, sondern mit Atmosphäre. Teil des Konzeptes ist ein jährlich neu entworfenes Freiluft- Wohnzimmer.

Nicht alles ist von Dauer. Temporäre Architektur nennt man Architekturkonzepte für Bauten, die es nur kurzzeitig braucht. Manchmal weil sie als Übergangslösungen dienen, manchmal um einen akuten Bedarf zu stillen, manchmal weil die Nutzungsdauer von vornherein beschränkt ist. So im Fall der Poolbar- Architektur im Reichenfeld, einem Areal in Feldkirch, das nur wenige Gehminuten von der Altstadt entfernt auf der südlichen Seite der Ill liegt und sowohl Naherholungsraum wie auch Kulturquartier ist. Letztere Bezeichnung verdankt es engagierten Institutionen und Initiativen, die sich historisch wie aktuell der kulturellen und geistigen Produktion widmen – das Vorarlberger Landeskonservatorium, das Pförtnerhaus und das Alte Hallenbad sind durch ihre Nutzungsgeschichte mehr als nur Gebäude. Das Alte Hallenbad ist auch Namensgeber für das poolbar-Festival. Rund um die Infrastuktur der stillgelegten Badeanstalt hat sich seit 1994 aus Workshops ein lebendiges und spartenreiches Festival entwickelt. Rund 23.000 Besucher(innen) kommen jeden Sommer für Acts und Rahmenprogramm von Musik über Architektur, Film, Tanz bis Literatur.

Festivalarchitekturen gehören zu diesen „temporären Architekturen“. Erfordert ist Infrastruktur, Aufenthaltsqualität und Wohlfühlatmosphäre für viele Menschen, meist nur wenige Tage oder Wochen lang. Nicht selten ist das Budget knapp, Ressourcen ebenso. Jede Entscheidung will daher sorgfältig vorbereitet sein. Herwig Bauer leitet das poolbar-Festival seit seiner Gründung vor 24 Jahren. 2016 hat das Festival den Staatspreis Kunst in der Sparte Kulturinitiativen erhalten. Wohl auch wegen des breiten und gesellschaftlich relevanten Ansatzes, den er und seine Partnerin in der Geschäftsführung, Heike Kaufmann, verfolgen.

In den letzten Jahren kam das Festival über kleine Architekturwettbewerbe zu Entwürfen, um sich immer in neuem Kleid zu zeigen und sich auch ein Stück weit gestalterisch neu zu erfinden. Seit drei Jahren wird nun wieder in kleinen Teams an Konzepten gearbeitet. Der „Poolbar-Generator“ wurde als Ideenschmiede etabliert – nicht nur für den Bereich Architektur. Auch Bühnenbild, Produktdesign, Grafik, Visuals, Public- und Street Art werden als umfassende gestalterische Komponenten im „Generator“ als Entwicklungslabor jährlich von Grund auf neu erarbeitet. Angeleitet werden die Teams von projekterfahrenen Kolleg(inn)en, um die Ideen möglichst umsetzbar zu entwickeln. Kooperation bleibt dabei wichtig. Zahlreiche Ausbildungsstätten wie Universitäten, Akademien und Fachhochschulen unterstützen das Format durch die Integrierung der Workshops in ihre Lehrgänge. Win-win für beide Seiten. Die Poolbar bekommt Ideen und Arbeitskräfte, Studierende und Teilnehmer(innen) üben sich in der Praxis.

Jährliche Neuentwicklung: Das bedeutet auch Reibungsverlust – Ideen und Material betreffend. Der sinnvolle Einsatz von Ressourcen steht daher auf der Prioriätenliste des poolbar-Festivals ganz oben. So wurden große Teile des Materials, das bereits letztes und vorletztes Jahr verwendet wurde, auch diesmal wieder eingesetzt. Und auch die Köpfe, die sich im Generator und bei der Umsetzung stark machen, sind gleich geblieben. Mit Robert Zanona und Michael Amann, beide Studierende an der Technischen Universtität in Wien, hat sich das poolbar-Festival motivierte, junge Partner geholt. Das Bauingenieurbüro Merz Kley Partner hat (bau-)kulturaffin das Projekt durch Expertise und Planungsleistung unterstützt. Zahlreiche ausführende Betriebe aus der Branche ebenso. Generell basiert die Umsetzung der Poolbar-Architektur auf der Unterstützung durch ein über Jahre entwickeltes und behutsam aufgebautes Netzwerk von Industriebetrieben (Zumtobel, Bertsch) bis hin zum Kleinbetrieb.

Wer das Festival heuer besucht, findet wie schon in den Jahren zuvor ein räumliches Szenario aus teilweise überdachten Aufenthaltsflächen mit verschiedenen Sitzgelegenheiten vor – einfach gemacht, in vielem auf das Nötigste beschränkt und dennoch funktional, wirkungsvoll und alltagstauglich, denn hier verbringen viele Menschen in diesen Tagen viele Stunden nicht nur feiernd, sondern bei zahlreichen Veranstaltungen und wollen all das geboten bekommen, was öffentliche Räume auszeichnet – Platz, klar definierte Zugänglichkeiten, ein erkennbares Leitsystem und Versorgung.

Was das Festival deutlich von anderen unterscheidet, zeigt sich nicht nur in seinem Programm, sondern vor allem in seinem Willen zur Gestaltung. Gestaltung ist ein kreativer Schaffens-prozess, bei dem eine Sache, ein Gegenstand aber auch ein Phänomen Veränderung erfährt. Wer sich in diesem Sinn auf das Leben einlässt, verändert sich auch selbst. Ein gutes Motto für ein Festival, das schon mehrfach bewiesen hat, das es sich vor allem für eines engagiert: das gute Leben.

Daten und Fakten

Objekt: Temporäre Architektur, Feldkirch

Bauherr: poolbar Kultur gemeinnützige GmbH, www.poolbar.at

Architektur: Konzeptarbeit beim poolbar-Generator (Workshopreihe) in Bregenz mit Studierenden der TU Wien, Universität Liechtenstein, Akademie der bildenden Künste, New Design University, Universität für Bodenkultur. Einbeziehung von Ergebnissen weiterer Workshops (Produktdesign, Visuals , Grafik, Street Art, Public Art) in ein architektonisches Gesamtkonzept Ausführungs- Michael Amann, Victor Dölle, planung Robert Zanona, atelier west68 Wien/Feldkirch www.west68.at Statik Merz Kley Partner, Dornbirn www.mkp-ing.com

Planung: 2/2017–6/2017

Ausführung: 6/2017–7/2017

Grundstücksgröße: 1500 m²

Terrassenfläche: 700 m²

Wohnzimmer: 150 m²

Foyer & Café: 70 m²

Bauweise: Außenbereich: Nivellierter Palettenboden , Holzkonstruktion Fichte mit Bolzen-Scheibendübel-Verbindungen und gefrästen Holzfundamenten; hinterleuchtete Holzfassade mit Bühnengaze bespannt; Flach- und Wellbahndächer aus glasfaserverstärktem Kunststoff; Möbel: Fichtenholz, Stahlhohlprofile und Feuerwehrschläuche; Innenwände: Holzrahmen, Grobspanplatten mit appliziertem Effektgewebe; abgehängte Decke aus bespannten Holzrahmenwürfeln mit integrierten Leuchtpixeln

Besonderheiten: großer Anteil Eigenarbeit (davon viele poolbar-Generator-Teilnehmende); nachhaltiger Material-einsatz durch mehrjährige Verwendung des Holzes

Ausführung: Bautenteam poolbar-Festival; Möbel: Integra, Bregenz; Schlosser: Bertsch, Nüziders; Holzbau: Berchtold, Wolfurt; Holz: Fritsche, Bürserberg und Mayr-Melnhof, Reuthe; Bauleitung: Planer und Felix Langer

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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