Drastische „Entsorgung“ für Wirtschaftsverbrecher

Von Gemeindereporter Edgar Schmidt
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Die „irre“ Aurélie (Claudia Schwärzler,li.) und Freundinnen (Charlotte Cecilia Neyer, Silvia Mayer) Die „irre“ Aurélie (Claudia Schwärzler,li.) und Freundinnen (Charlotte Cecilia Neyer, Silvia Mayer) - © Theaterwerkstatt Feldkirch
Fidel Schurigs beliebte Theaterwerkstatt Feldkirch spielt im Pförtnerhaus eine Satire von Jean Giraudoux.

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Feldkirch. (sch) Man kann es kaum glauben – da schreibt der prominente französische Schriftsteller und Diplomat Jean Giraudoux (1882-1944) ein Jahr vor seinem Tod eine Satire in zwei Akten, „Die Irre von Chaillot“ (erst postum im Dezember 1945 in Paris uraufgeführt), in der er nicht ohne absurd-märchenhafte Züge messerscharf mit Finanzhaien, Wirtschaftsverbrechern, Gaunern mit allerlei Dreckflecken auf ihren „weißen Westen“ unbarmherzig abrechnet und das ganze Verbrecherpack spektakulär und für immer „entsorgt“. Und der Autor lässt keinen Zweifel darüber, dass für ihn hier die „Schuldvermutung“ gilt. 1945 – 2012: Es liegen zwar Welten dazwischen, doch da hört man Sätze auf der Bühne, treten Figuren auf, welche nahtlos in das alltägliche Unschuldsvermutungs-BlaBla im heutigen TV hineinpassen... Giraudoux – einer der zahlreichen Dichterpropheten wie etwa Kafka oder Max Frisch...
Das satirische Theaterstück „Die Irre von Chaillot“ hatte als jüngste Produktion der Theaterwerkstatt Feldkirch in der Bearbeitung und Regie ihres Leiters Fidel Schurig im Pförtnerhaus Premiere.

Die guten „Narren“

Terrasse des kleinen Cafés „Chez Francis“ in der Nähe der Seine, im Vorort Chaillot. Eine Gruppe von skrupellosen Verbrechern, ein einflussreicher „Präsident“, ein windiger „Baron“, ein mieser „Börsenmakler“ und ein sogenannter „Prospektor“ für ein sensationelles Verbrechen suchen gierig nach Öl und Geld. Die Gauner wollen eine AG gründen und Paris teilweise sprengen, denn Geschichte und Kultur des Herzens von Frankreich sind ihnen völlig egal. Hauptsache, es findet sich unter der Stadt Öl ! Ein von ihnen erpresster junger Pierre soll ein Bombenattentat auf das Haus jenes Ingenieurs, der sämtliche Grabungen in Paris selbstredend ablehnt, verüben; doch der Plan misslingt. Die Gegenwelt zu den Verbrechern sind die schrullig-liebenswerte Aurélie (die „Irre von Chaillot“), die als „Gräfin“ Essensreste holt, sowie anderes armes Volk wie die Spülerin Irma, der philosophierende Lumpensammler, der vife Kloakenreiniger, das Blumenmädchen usw. Sie erfahren durch Pierre die Pläne der mächtigen Gauner und verurteilen diese dafür in einem privaten Prozess zum Tode. Alle werden zur „Irren“ in deren Wohnung gelockt, und dort verschwinden sie wegen ihrer Gier nach unterirdischem Öl durch eine Geheimtüre für immer im Abgrund des Pariser Kanalnetzes.... Ein feuchtes Ende also für die Spekulantenbrut, die somit drastisch „entsorgt“ wird. Die Kapitalisten nehmen die Realität und den Verstand für sich in Anspruch, die armen „Narren“ rund um Aurélie sind mit ihrem gesunden Menschverstand, ihrer Lebensfreude und ihrem Rechtsempfinden (wenn es auch brutal ist) jedoch die Sieger. Das Resümee Giraudouxs: Dem rücksichtslos wuchernden Kapitalismus gebührt eine vernichtende Strafe! Und die als „Irre“ gering geschätzten Menschen mit ihren Idealen sind wohl das einzige vernünftige Bollwerk gegen ausbeuterische Verbrecher.

Riesenensemble

Regisseur Fidel Schurig kürzte bzw. bearbeitete das gigantische Stück und konnte dennoch gewisse Längen (mit teils banalem Gerede) nicht vermeiden. Er ließ das Riesenensemble die zeitlosen Intentionen von Giraudoux mit viel Spielfreude realisieren und hatte wieder feine Begabungen aus der Theaterwerkstatt aufzubieten: Claudia Schwärzler, die Irre, beeindruckte sprachlich und mimisch als exaltiertes Prachtweib. Das Verbrecherquartett (Jürgen Schäfer, Ernst Walser, Valentin Rim, Helmuth Walleczek) versteckte seine schwarzen Seelen smart in feinen grauen Anzügen. Hugo Richtig hielt als Lumpensammler einen beeindruckenden Monolog. Charlotte Cecilia Neyer, Silvia Mayer und Hedwig Scherrer waren als Freundinnen von Aurélie zugleich ihre skurrilen Verbündeten in Sachen Todessstrafe für die Promi-Gangster.
Jean-Ronan Le Gall machte die Nöte des Opfers Pierre sehr glaubhaft. Neun weitere Darsteller trugen zum großen Premierenerfolg bei. Visuelle Genüsse durch die tollen Kostüme schenkte wieder einmal mehr Rosemarie Schurig. Und über den Bühnenbrettern thronte zuerst der Eiffelturm, der sich später in einen Bohrturm verwandelte...

Weitere Aufführungen am 9., 10., 16. und 17. März 2012, jeweils 19.30 Uhr im Pförtnerhaus. Kartenvorverkauf: Stadtmarketing, Tel. 05522/73467-0

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