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"Vor der eigenen Türe kehren"

Der Gaschurner Alt-Bürgermeister Heinrich Sandrell rechnet im Sonntags-Talk ab.
Der Gaschurner Alt-Bürgermeister Heinrich Sandrell rechnet im Sonntags-Talk ab. ©MiK
Gaschurn - Alt-Bürgermeister, Touristiker, Netzwerker, Montafoner Querdenker und Gentleman – im Sonntags-Talk zieht Heinrich Sandrell Bilanz.

WANN & WO: Kann man bei Ihnen überhaupt von Ruhestand sprechen?

Heinrich Sandrell: Natürlich bemühe ich mich um so viel Ruhe wie möglich, allein in Haus und Stall gibt es aber viel zu tun. Außerdem verbringe ich viel Zeit mit Holzarbeiten. Abseits von diesen Tätigkeiten habe ich nach wie vor ein offenes Ohr für die Anregungen verschiedener Mitbürger. Wenn es der Herrgott gut mit einem gemeint hat, soll man auch etwas zurückgeben. Mein Engagement für die Pfarrgemeinde Gaschurn/Partenen mit Pfarrer Joe ist ungebrochen. Ich kann mit dem Wort Pensionsloch nichts anfangen. Wer rastet, der rostet.

WANN & WO: Wie haben Sie Ihre Kindheit in Erinnerung?

Heinrich Sandrell: Trotz der knapp dreijährigen russischen Kriegsgefangenschaft meines Vaters haben wir eine wunderschöne Kindheit verlebt. Natürlich mussten wir an allen Ecken und Enden mithelfen – es war aber auch eine Lehre in Sachen Genügsamkeit.

WANN & WO: Und Ihre Schulzeit?

Heinrich Sandrell: Ich durfte trotz schwieriger finanzieller Verhältnisse die Handelsschule in Bregenz besuchen, auch unter Mithilfe meines Onkels und meiner Tante. Ich kann mich noch gut an meinen Schulantritt erinnern. Voll bepackt mit meinem Fahrrad trat ich den Weg in die Landeshauptstadt an und stand fortan auf eigenen Beinen. Während meiner Ausbildung habe ich mir mit verschiedensten Jobs meinen Unterhalt finanziert. Ich hatte immer schon ein Gespür für Handel. U.a. wurde ich von der Stadt Bregenz für eine Volkszählung engagiert. Die Begegnungen mit den Leuten habe ich damals auch als Handelsvertreter genutzt. Ich bin und war immer gern in Kontakt mit den Menschen und habe mir meinen Unterhalt immer selbst finanziert.

WANN & WO: Wie verlief der Eintritt in die Berufswelt?

Heinrich Sandrell: Ich war immer ein guter Schüler, die Welt stand mir offen. Mein Klassenvorstand hat mir immer nahegelegt, meine Ausbildung fortzusetzen. Und meine Eltern rieten mir in der Folge zu einer sicheren Stelle im Umfeld der Illwerke, was mich aber nie wirklich gereizt hat. Schließlich bekam ich als Jungspund ein Angebot von Getzner Textil und erhielt einen ersten Einblick in den globalen Handel – ich war immer schon ein weltoffener Mensch und habe aus dieser Zeit viel mitgenommen und gelernt.

WANN & WO: Wieso haben Sie dann der Textilindustrie den Rücken gekehrt?

Heinrich Sandrell: Aufgrund des Todes meines Vaters beim Holzfällen. Ich kehrte dann nach Gaschurn zurück, um im Kreis meiner Familie zu sein. Schließlich erhielt ich vom damaligen Bürgermeister Pfeifer das Angebot, mich um die geschäftlichen Agenden der sich damals bereits im Besitz von Walter Klaus befindlichen Bergbahn zu kümmern. Dort habe ich dann auch mein Interesse für den Tourismus und das riesige Potenzial der Gemeinde in dieser Branche entdeckt.

WANN & WO: 1971 fusionierten die Bergbahnen von Gaschurn und St. Gallenkirch/Garfrescha unter Walter Klaus – eine Initialzündung ?

Heinrich Sandrell: Natürlich, dies war die einzig richtige Entscheidung, welche die beiden Gemeinden treffen konnten – glücklicherweise über einen damals „Auswärtigen“, obwohl Walter Klaus seit 1971 die österreichische Staatsbürgerschaft hatte. Pfeifer wurde dann Bürgermeister und ließ mir im Großen und Ganzen freie Hand. Das Buchhalterische erlernte ich autodikatisch, inklusive der einen oder anderen Reiberei mit diversen Damen, die mit der Lohnverrechnung ihrer Herrschaften, die im Vorfeld schon einen Vorschuss einverlangt hatten, nicht ganz einverstanden waren – auch eine wichtige Lektion in Sachen Kommunalpolitik als „junger Sächer“.

WANN & WO: Damals florierte der Tourismus in der Innerfratte. Wieso haben Sie sich damals entschieden, den Schritt in die Gemeindepolitik zu wagen?

Heinrich Sandrell: Mit Kurt Bitschnau lernte ich im Bundesheer einen treuen Weggefährten kennen. 1980 folgte dann der Bruch mit dem damaligen Gemeindevorstand. Schon bei Getzner Textil erkannte Bertram Jäger mein Interesse für Politik, seit den 70er-Jahren war ich im Gemeinderat tätig – 1980 wurde ich dann aufgrund starker Rückendeckung der Wirtschaftstreibenden und Gastronomen in Gaschurn zum Bürgermeister – mit 29 Jahren der damals jüngste im Land.

WANN & WO: Wie haben Sie Ihre Rolle als Bürgermeister interpretiert?

Heinrich Sandrell: Anfangs standen für mich Investitionen in die Infrastruktur im Vordergrund, egal ob es um Gemeindezentren, Feuerwehren oder die Bergrettung sowie in der Wasserversorgung von Gaschurn und Partenen ging. Wir konnten viel umsetzen, auch mit einer starken Mannschaft im Rücken. Während meiner Amts-Zeit konnte ich auch den höchsten ÖVP-Zuwachs in einer Gemeinde verzeichnen und verwalten.

WANN & WO: Tourismus blieb aber immer ein Fixpunkt auf Ihrer Agenda?

Heinrich Sandrell: Natürlich, davon lebt unsere Region. Und egal ob mit Walter Klaus, der Illwerke oder den Montafoner Gemeinden – Tourismus ist die Grundlage unserer Montafoner Existenz. In der damaligen Konstellation zog die Talschaft mit und wir konnten viele Projekte überregional verwirklichen.

WANN & WO: Wie schwierig war es damals, die Gemeinden zusammenzuführen?

Heinrich Sandrell: Mein Vorteil bestand darin, dass wir mit der Gaschurner Entwicklung den anderen ein perfektes Beispiel lieferten und in Sachen Publicity die Montafoner Gemeinden überholten. Außenwerbung, egal ob TV oder Presse, habe ich immer forciert, auch mit Kurt Bitschnau und Arno Fricke – dieses Triumvirat hatte damals viel Entscheidungsgewalt, auch weil uns die Bürgermeister der anderen Gemeinden schalten und walten ließen.

WANN & WO: Wie beurteilen Sie die aktuelle Ausrichtung der Montafoner Tourismus-Strategie?

Heinrich Sandrell: Ich bin ein Freund von schlanker Struktur und der Meinung, dass wir unsere Stärken und Vorzüge nach außen transportieren sollten. Dem jüngsten Wurf – dem sogenannten „Montafoner Du“ – stehe ich kritisch gegenüber. Meiner Meinung nach sollte man das „Du“ vom Gast angeboten bekommen, und nicht umgekehrt. Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung aber alleine da und bin ein „altmodischer Dodel“. Was mir ebenfalls sauer aufstößt, ist der Bodenverbrauch und die Verbauung mit „Pappadeckel-Hüsli“, sowohl in Gaschurn als auch in unserer Nachbargemeinde. Der Bodenpreis wird nach oben getrieben, und wir können uns früher oder später nicht von „Betonflächen“ ernähren. Das entspricht einfach nicht meiner Auffassung von Tourismus auf Sicht und ist auch kaum für Einheimische leistbar.

WANN & WO: Kaum eine Person hat das Montafon in den letzten Jahren so geprägt wie Walter Klaus. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Heinrich Sandrell: Wenn es einen Menschen gibt, auf den das Wort Unternehmer besonders zutrifft, dann auf ihn – auch in Sachen Entscheidungen, konnte er sich mit seiner Persönlichkeit mit aller Vehemenz durchsetzen und behaupten. Gleichzeitig war Walter Klaus ein unheimlich sozialer Mensch. Als Bürgermeister konnte ich mich mit allen Belangen an ihn wenden. Ich kann mich noch an einen Fall erinnern, als ein 26-jähriger Familienvater im Sommer verunglückte – die Mutter stand mit ihren beiden Kindern vor dem Nichts und in einem halbfertigen Rohbau. Walter Klaus stellte daraufhin einen Bautrupp der Bergbahnen ab, bis Weihnachten konnte die Mutter mit ihren Kindern einziehen. Für ihn war es außerdem immer von höchster Priorität, die heimischen Betriebe zu involvieren oder für die Gastronomie regionale Produkte von den ortsansässigen Bauern zu beziehen.

WANN & WO: Sie standen dem Unternehmer sehr nahe, war sein Tod überraschend oder hat es sich abgezeichnet?

Heinrich Sandrell: Ich war der Erste, der ihn als Außenstehender nach seinem Ableben auf dem Haggen in Lochau fand. Kurz zuvor hatte er mich noch angerufen, als ich zu ihm unterwegs war. Natürlich hat ihm die Krankheit schwer zugesetzt, trotzdem war er geistig nahezu immer voll auf der Höhe. Gegen sein Ende hin kreisten aber immer mehr „Aasgeier“ um ihn und versuchten, sein Leiden in bare Münze zu verwandeln – ich möchte hier nur das Stichwort „Delunamagma“ nennen. Während meiner Vorstandstätigkeit habe ich mich mit aller Kraft gegenüber Einflüssen gewehrt, auch in Bezug auf einen weiteren Politiker in Vorarlberg, dessen Namen ich hier aber nicht zu nennen brauche. Für mich war es schrecklich, mitzuerleben, wie eine Persönlichkeit vom Format eines Walter Klaus in einem Körper gefangen ist, der von einer Krankheit wie Parkinson gegeißelt wird.

 

WANN & WO: Wie beurteilen Sie im Nachhinein das Verhalten der Bevölkerung gegenüber Walter Klaus?

Heinrich Sandrell: Im Grunde genommen, haben Teile der Bevölkerung, auch Gemeindeverantwortliche, ihn aus dem Montafon verjagt. Was man mit diesem Unternehmer aufgeführt hat, war intolerabel. Der Abgang in Gaschurn und St. Gallenkirch war schändlich. Ich kann mich auch noch gut an ein nächtliches Telefonat erinnern, in dem er beteuert hat, dass er dieses Verhalten dem Montafon nie vergessen wird. Wenn man bedenkt, was dieser Mensch dem Tal mit seinem Privatkapital gebracht und ermöglicht hat – eigentlich unglaublich, welcher Undank dieser Persönlichkeit entgegengebracht wurde.

WANN & WO: Während der Amtszeit besuchten viele Prominente das Montafon. Welche Anekdoten fallen Ihnen spontan ein?

Heinrich Sandrell: Der kürzlich verstorbene deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl besuchte damals unsere Gemeinde. Als er mit dem Schrägaufzug in Partenen hinauffuhr, machte ich ihm als guter Gastgeber meine Aufwartung – natürlich mit einem feinen Speck und einer Flasche Enzian-Schnaps. Als ich das Geschenk überreichen wollte, schnappten mich seine vier Bodyguards, rissen mir das Paket aus Angst vor einem Anschlag aus den Händen und warfen es auf dem Boden. Kohl kommentierte nur in stoischer Ruhe: „Entschuldigen Sie Herr Sandrell, das müssen sie leider verstehen.“ Ich habe immer versucht, das Montafon über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen. Mit den Beziehungen von Walter Klaus, der Illwerke und der Schönheit unserer Natur konnten wir viele Entscheidungsträger ins Tal locken – was u.a. auch Filmemacher Joseph Vilsmaier schätzte. Die Wände meines Maisäß-Häuschens im Valschaviel-Tal könnten so einiges erzählen.

WANN & WO: Joseph Vilsmaier hat Sie dann ja nach „Schlafes Bruder“ auch zum Deutschen Filmpreis nach Berlin eingeladen?

Heinrich Sandrell: Auf Einladung vom damaligen Bürgermeister Eberhard Diepgen nahm mich Sepp zur Verleihung des Deutschen Filmpreises mit. Wir wurden wie die Könige empfangen, mit eigenen Chauffeuren und mit allem Drum und Dran. Auf der Verleihung konnte ich mir dann ein Schmunzeln nicht verkneifen. Denn Ben Becker begrüßte mich schmunzelnd mit einem „Bruno Rudigier Transporte“-T-Shirt – der Firma eines Gaschurner Frächters, bei dem Becker, sicherlich kein Kostverächter, das ein oder andere Mal eingekehrt war.

WANN & WO: Was würden Sie als Ihre größte Schwäche bezeichnen?

Heinrich Sandrell: In vielen Belangen Gutgläubigkeit. Ich sehe und glaube an das Gute im Menschen, was mir auch schon zum Verhängnis geworden ist. Ich kann nur jedem empfehlen, vor der eigenen Haustüre zu kehren.

WANN & WO: Wie haben Sie es geschafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen?

Heinrich Sandrell: Meine Frau hat mir immer den Rücken gestärkt, sie hatte es sicherlich oft nicht einfach und war mit der Erziehung der Kinder, dem Haushalt und unseren Gästen voll ausgelastet. Aber im August sind wir 46 Jahre verheiratet – mich zu ertragen stelle ich mir sicher nicht einfach vor. In zwanzig Jahren Gemeindetätigkeit hatte ich einmal Urlaub – und dann auch nur, als mich meine Mitarbeiter und die Gemeindevertretung nach Ischia verfrachtet haben (schmunzelt).

WANN & WO: Welche Fähigkeiten muss man als Politiker mitbringen?

Heinrich Sandrell: Zuallererst zählt auf Gemeindeebene der Mensch und nicht die Parteizugehörigkeit. Der Blick über den Tellerrand gehört genauso dazu, Politik ist keine Einbahnstraße. Während meiner Amtszeit konnte ich viele verschiedene Lager unter meiner Führung einen, was eine Beschlussfassung auch erleichtert hat. Geradlinigkeit und Ehrlichkeit, auch wenn eine Entscheidung weh tut, sind ebenfalls notwendig. Und ich habe mir nie ein Blatt vor den Mund genommen und war immer gerade heraus.

WANN & WO: Gaschurns beschneite Talabfahrt – ein ewiges Streitthema?

Heinrich Sandrell: Für den Bau der Versettlabahn gab es damals drei Bedingungen, die wir zu erfüllen hatten. Einerseits ging es um eine gesicherte Talabfahrt, eine Straße auf den Mittel-Maisäß und die Lawinenverbauung. Ich habe monateweise Unterschriften gesammelt – aber nur für eine Skiabfahrt. Damals war die Beschneiung seitens der Bergbahnen nur für das Kern-Skiebiet ein Thema. 30 Jahre später ist man natürlich gescheiter. Es wäre besser gewesen bei den Bergbahnen und in der Gemeinde damals schon auf eine beschneite Talabfahrt zu pochen.

WANN & WO: Was war die größte Niederlage in Ihrer Karriere?

Heinrich Sandrell: Ich habe zwar nie ein Waterloo erleiden müssen (schmunzelt), politisch habe ich die Übergabe an meinen Nachfolger nicht gut gelöst. Es war aber auch nicht anders möglich, da ich innerhalb kürzester Zeit wieder zurück in den Vorstand der Silvretta Nova gewechselt bin. Hier habe ich es verabsäumt, mich frühzeitig um eine geeignete Nachfolge zu kümmern.

WANN & WO: Wie beurteilst du die aktuelle politische Situation auf Bundesebene?

Heinrich Sandrell: Wenn der Karren einmal so verfahren ist, bleibt nichts mehr anderes übrig, als die Karten neu zu mischen. Generell finde ich es inzwischen schwierig, Politiker von altem Schrot und Korn und Format zu finden. Diese permanente „Wadlbeißerei“ kann über kurz oder lang zu nichts Konstruktivem führen. Was ich allerdings schärfstens verurteile, ist die Tatsache, dass Österreich die höchste Parteienförderung der Welt aufweist – das ist eine himmelschreiende Sauerei.

Zur Person

Name: Heinrich Sandrell Wohnort, Geburtstag: Gaschurn, 23. Jänner 1951 Ausbildung, Werdegang: Handelsschule Bregenz, Altbürgermeister Gaschurn, ehem. Vorstand Silvretta Nova Familie: Verheiratet mit Marlies, zwei Söhne

Wordrap

Montafon: Paradies. Gaschurn/Partenen: 20 km² größer als Liechtenstein. Silvretta Nova/Silvretta Montafon: Personifiziert und heimatverbunden mit der Bevölkerung/Bank, die Gott sei Dank viel investiert. Tradition: Verbindet die Menschen und stellt Identität nach außen dar. Tourismus: Die Hauptlebensader des Montafons – kein Freund der touristischen „Verhüttelung“ (z.B. wie in St. Gallenkirch). Politik: Für mich nur mehr am Rande von Bedeutung. Populismus: Schlechte Eigenschaft. Freizeit: Geselliges Beisammensein. Zukunft: „Schaue vorwärts, nie zurück, frischer Mut, bringt Lebensglück.“

(WANN & WO)

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