Lutherische Boten wurden verbrannt

Von Gemeindereporter Alfons J. Kopf
Heidi Senger-Weiss, Vereinsobmann Friedrich Schneider und Referent Dr. Magnus Ressel
Heidi Senger-Weiss, Vereinsobmann Friedrich Schneider und Referent Dr. Magnus Ressel - © AJK
Das katholische Mailand fackelte einst nicht lange: Als Lindau um 1523 lutherisch wurde, waren die Boten aus der Inselstadt in Italien in Lebensgefahr. 

Als die Inquisition den ersten Boten aus Lindau wegen dessen „falscher“ Religion auf dem Scheiterhaufen verbrannte, kamen die katholischen Fußacher Boten zum Zug. Natürlich waren Fußacher bereits zuvor im Botendienst zwischen Bodensee und Mailand aktiv. Nach dem Übergriff der Mailänder aber beförderten beinah ausschließlich Boten aus Fußach Waren, Geld und Passagiere in beide Richtungen über den Splügenpass.

Unter anderem darüber berichtete Dr. Magnus Ressel, Historiker an der Goethe Universität Frankfurt, bei seinem Vortrag in Fußach. Der Dorfgeschichteverein hatte eingeladen und der Ansturm war enorm. Schließlich passten keine Stühle mehr in den Saal im Feuerwehrgerätehaus, es gab nur noch Stehplätze. „Wenn ich in Hamburg einen Vortrag zur regionalen Geschichte halte, finden sich dort bei 2 Millionen Einwohnern etwa ein Drittel der Zuhörerzahl ein wie hier in Fußach“, zeigte sich der Referent überrascht und erfreut über das große Interesse an den Ergebnissen seiner Forschungen in Archiven in Italien, Österreich und Deutschland.

Seidenstraße Mailand-Fußach

Wohlhabende Lindauer Kaufleute finanzierten über Jahrhunderte die Botendienste Richtung Italien. Wichtigste Handelsware war damals Seide. Zwischen Mailand und Fußach bzw. Lindau verlief also ein guter Teil einer westlichen „Seidenstraße“, die bis in die Niederlande reichte. Der wertvolle Stoff konnte nicht irgendwelchen Leuten anvertraut werden, dafür waren erfahrene Boten gefragt. Zwischen Thusis und Lindau wurden Pferdewagen eingesetzt, die Bergstrecke über den Splügen hingegen – die Via Mala – war nur mit Saumpferden zu bewältigen.

Wichtig war zudem der Postdienst, den die Fußacher Boten leisteten. Das Porto für diese Briefe war gestaffelt. Die Hauptfinanziers der Botendienste waren pauschaliert. Kleinere Kaufleute bezahlten einen jährlichen Beitrag und erhielten ein günstigeres Porto. Wer allerdings nur einen Brief versenden wollte, bezahlte deutlich mehr. Die Boten nahmen nicht nur Waren aus Lindau oder Mailand auf, sie wurden auch in Feldkirch oder Chur gerschätzt. Wie Dr. Ressel in Fußach berichtete, zeigten besonders die damals noch von der Schweiz unabhängigen „Drei Bünde“, erst ab 1803 Kanton Graubünden, Interesse am Boten. Sie ersparten sich mit diesen Spediteuren aus Fußach den Aufbau eines eigenen Postwesens.

Postkrieg ab 1770

In Bedrängnis geriet der Fußacher Bote immer wieder durch die Konkurrenz, am stärksten während des „Postkrieges“ von 1770 bis 1774. Ein reicher Kaufmann aus Memmingen wollte gemeinsam mit der Stadt Bregenz die Botendienste selbst übernehmen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. Der Referent zitierte aus einer Gerichtsverhandlung, wonach ein Bote, der mit einem Kornschiff aus Lindau kam, auf dem See vom Bregenzer „Jagdschiff“ abgefangen und nach Bregenz gezwungen worden war. Bregenz wollte den Fußacher Boten kaltstellen.

Deshalb wichen die Fußacher für einige Zeit einfach nach Rheineck aus und betrieben ihren Botendienste so. Schließlich wurde der Streit beendet. Die drei Fußacher Familien Spehler (Spieler), Schneider und Vis (Weiss) mussten allerdings umdenken. In Fußach wurde die Faktorei gegründet, ein Waren- und Umschlaglager, das nicht mehr so stark von den Lindauern abhängig war. 1823 übernahm Josef Weiss die Faktorei oder „Zuschg“ und führte das Geschäft gemeinsam mit seinen Halbbrüdern Leonhard und Johann Alois Karl Weiss unter dem Namen „Gebrüder Weiss“ weiter. Einige Details zu dieser Entwicklung steuerte in Fußach Heidi Senger-Weiss bei. Die Seniorchefin des heute weltweit tätigen Logistikunternehmens ließ sich den Vortrag nicht entgehen.

Mit dabei auch Dr. Peter Erhart, Stiftsarchivar in St. Gallen. Natürlich waren auch der Vorstand sowie zahlreiche Mitglieder des Dorfgeschichtevereins Fußach vertreten. Obmann Friedrich Schneider hatte zum Start den Referenten und die vielen Besucherinnen und Besucher begrüßt. Er lud zum Abschluss dazu ein, bei einem Getränk noch Gedanken auszutauschen und bedankte sich bei Dr. Magnus Ressel.

Vereins-Homepage: www.fussachgeschichte.at

 

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