“Faust” in Innsbruck: Mit Teufel und Faust besoffen am Würstelstand

Reitmeier verpasste Goethes "Faust" einen poppigen Neuanstrich
Reitmeier verpasste Goethes "Faust" einen poppigen Neuanstrich - © APA (Archiv)
Am Samstag wurde am Tiroler Landestheater in Innsbruck Altbekanntes geboten – möchte man meinen. Denn Regisseur und Intendant Johannes Reitmeier verpasste Goethes “Faust” einen poppigen Neuanstrich. Jubel gab es nach der nicht ausverkauften Premierenvorstellung für die Hauptdarsteller, vereinzeltes Kopfschütteln und allgemeine Zurückhaltung hingegen für die Inszenierung selbst.

Vertrautes, bildungsbürgerliches Allgemeingut lässt sich schwer neu erzählen. Wer Goethe und seinen “Faust” auf die Bühne bringt, kann nur schwer an dem kanonisierten Text selbst herumstreichen oder gar die Sprache modifizieren, ohne auf “Fack Ju Göhte”-Niveau zu sinken oder sich zumindest Vorwürfe in diese Richtung anhören zu müssen. “Dann also lieber doch die Inszenierung”, dürfte man sich bei der zeitgenössischen Auslegung des Stoffes in Innsbruck gedacht haben.

Die Geschichte kennt man: Dr. Heinrich Faust ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Sein Wissen kommt ihm sinnlos vor, Worte langweilen ihn. Stattdessen möchte er wissen, was die Welt wirklich im Innersten zusammenhält. Dazu kommen ihm Magie und der Teufel gerade Recht. Mit diesem begibt er sich auf die Piste und möchte die Freuden des sinnlichen, zufriedenen Lebens und eben den perfekten Augenblick erleben, der dann auch verweilen möge. So etwas geht natürlich nicht ohne Kollateralschaden vonstatten. Margarete (aka Gretchen) stößt der Sinn und Lust suchende Heinrich Faust in den Abgrund.

Zu Beginn der Aufführung sieht man Faust, überzeugend verkörpert von Andreas Wobig, als abgefuckten Alkoholiker in einer verdreckten Wohnung liegen, sitzen und lamentieren. Pizzaschachteln, Bierdosen und allerlei Papiermüll säumen seinen Weg. Kurz bevor er sich mit einem Giftmix aus dem Leben schießen kann, erscheint ihm Mephistopheles, mit dem es weg von den Worten und den Büchern hin zum echten, unverstellten, glühenden Leben geht.

Wo lauert dieses Leben? Natürlich am Würstelstand. Sturzbetrunken treffen sich dort unter anderem Neo-Nazi und Jogging-Hosen-Apologet, der die Kontrolle über das eigene Leben längst verloren hat. Auch die wenig später in Szene gesetzte Hexenküche kommt poppig und zeitgemäß daher. Neonschimmernde Tränke und eine Hexe mit einer überaus farbenfrohen Haarpracht versetzen den Faust-Stoff in eine trashige Gegenwart.

Dass diese trashig-abstoßende Realität unsere Zeitepoche darstellen soll, macht das Stück mehrmals klar. Etwa wenn Faust und sein teuflischer Begleiter im Supermarkt einkaufen und von bekannten Marken umgeben sind. Außerdem gerät die Walpurgisnacht in der Vergegenwärtigung von Reitmeier zu einer Disco-trifft-Swingerclub-Szene. Die Musik von Kenneth Winkler, dessen elektronische Ansätze ansonsten eher als leidig interessante, aber zumindest zeitvertreibende Elektro-Spielereien fungieren, begibt sich hier auf plattestes Niveau. Da dürfen dann natürlich auch wenig originelle Anspielungen auf die Wintersport-Hot-Spots und die dortigen Halli-Galli-Drecksau-Partys nicht fehlen.

Diesen Überspitzungen stand durchaus ernsthaftes und gutes Schauspiel gegenüber, etwa von Ronja Forcher, welche die Rolle des Gretchens mit einer Überfülle und zum Teil sogar glaubhaften Emotionen anlegte. Christoph Schlag als Mephisto wusste hingegen mit weit weniger Mitteln und einem simplen schelmischen Grinsen bereits alle Teufel-Assoziationen zu evozieren.

Am Ende blieb das Gefühl, dass die Inszenierung mit der zeitgenössischen Adaptierung so ihre liebe Not hat. War einiges bewusst schlecht als Kunstgriff eingesetzt oder zeigten sich damit die Schwierigkeiten und Hürden einer überzeugenden, zeitgemäßen Inszenierung? Auch das Publikum war sich uneins. Vereinzelten Begeisterungsbekundungen, vor allem für Forcher, Wobig und Schlag, standen Unverständnis und Kopfschütteln gegenüber. Wenn es die Intention dieser Regie war, den Klassiker “Faust” von der Behäbigkeit der Kanonisierung zu befreien, dann wurde das erfüllt. Man darf aber geteilter Meinung sein, ob man auch von einer gelungenen Inszenierung sprechen kann.

(S E R V I C E – “Faust – Der Tragödie erster Teil” von Johann Wolfgang von Goethe. Regie: Johannes Reitmeier, Bühne: Helfried Lauckner, Kostüme: Anke Drewes, Musik: Kenneth Winkler. Mit: Andreas Wobig (Faust/Mephistopheles), Christoph Schlag (Mephistopheles/Faust), Ronja Forcher (Margarete), Antje Weiser (Marthe), Raphael Kübler (Valentin/Altmeyer), Jan Schreiber (Der Herr/Frosch/Böser Geist), Kristoffer Nowak (Wagner/Brandner), Matthias Tuzar (Schüler/Siebel), Janine Wegener (Hexe, Würstelfrau), Ayla Antheunisse (Lieschen), Statisterie des TLT. Nächste Vorstellungen am 8., 11., 12., 13., 22., 25. und 29. Oktober. )

(APA)

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