Rainer Farrag mit einer "abgehobenen" Idee. - © NEUE
Stellen Sie sich vor, Sie wollen kurzentschlossen einen Abstecher nach Salzburg machen. Sie packen das Notwendigste zusammen und fahren mit Ihrem Kabinenmotorrad zum nächstgelegen Flughafen. Aber nicht, um dort einen Last-Minute-Flug zu ergattern, sondern um ihr Motorrad in ein Fluggerät umzubauen. Dafür benötigt es nur wenige Handgriffe. Zwei Stunden später landen Sie in Salzburg. Und bauen anschließend ihr Fluggerät wieder in ein Motorrad um. Unvorstellbar? Eine phantastische Zukunftsversion? Mitnichten!
Denn was wie ein Gag aus einem James Bond-Film klingt – und in der Tat hatte 007 in seinem Abenteuer „Man lebt nur zweimal“ ein ähnliches Fluggerät im Einsatz –, wird es wohl bald wirklich geben. Die Basiskonstruktion ist bereits erhältlich. Es handelt sich dabei um einen Tragschrauber, so etwas wie den kleinen Bruder des Hubschraubers. Der Erfinder ist Rainer Farrag, ein Wahl-Vorarlberger.
„So wie wahrscheinlich jeder Junge träumte ich als Kind davon, Pilot zu werden“, holt der gebürtige Ägypter aus. 1972 macht er den Pilotenschein. Fast ebenso lange fasziniert ihn die Idee, ein straßentaugliches Fahrzeug zum Fliegen zu bringen. Er macht eine Ausbildung zum Luftfahrtingenieur. Doch sein Plan geht nicht auf. Er findet keinen Job in der Branche. Daher verschlägt es ihn in die Kunststoffindustrie, und er landet in weiterer Folge in Vorarlberg. Hier gründet er zwei Firmen mit weltweiten Niederlassungen. Dass Farrag seine Vision von einem fliegenden Straßenfahrzeug nicht aufgibt, liegt an einem Reiseerlebnis. 1997 legt er mit einem Sportflugzeug knapp 800 Kilometer zurück. Er landet mitten in der Nacht auf einem menschenleeren Flugplatz irgendwo in Amerika. Zu allem Überfluss regnet es auch noch. „Jetzt hatte ich 800 Kilometer zurückgelegt, aber wusste nicht, wie ich die letzten Meter zum Hotel schaffen sollte. Da war mir endgültig klar: Es muss etwas geben, das fliegen kann und auf der Straße fährt. Nur leider fehlte mir die Zeit und das Geld für so ein Projekt.“
Seit den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts versuchen Erfinder, ein fliegendes Straßenfahrzeug zu bauen. Mehr oder minder erfolglos. Denn bislang kam kein alltagstaugliches und schon gar kein massentaugliches Fluggerät dabei heraus.
Mit das größte Problem sind die Flügel respektive Propeller. Der erfahrene Pilot verdeutlicht: „Selbst wenn diese zusammengeklappt werden können, ist das Fahrzeug sperrig. Das schränkt die Beweglichkeit und Parkmöglichkeiten enorm ein. Außerdem weiß ich nie, was passiert, während ich nicht beim Auto bin. Vielleicht spielen Kinder daran herum und brechen was ab.“
Also entwirft er ein Konzept, bei dem die Propeller nicht auf dem Straßenfahrzeug, sondern auf einem separaten Bauteil angebracht sind. Der kann bei Bedarf angedockt werden und verbleibt beim Flugplatz. „Starten darf man ohnehin nur dort“, weiß der 57-jährige. Apropos Flugplatz. Wer mit Trixy – so nennt Farrag sein fliegendes Motorrad – in die Luft abheben will, muss selbstverständlich einen Pilotenschein haben. Aber nur den für Ultraleichtflugzeuge. Und der kostet je nach Ausbildungsweg zwischen 3500 und 7000 Euro.
Im Herbst 2010 beginnt der passionierte Flieger mit der Entwicklung des zweisitzigen Tragschraubers. Mittlerweile hat er bereits die ersten Geräte ausgeliefert. Die Fachleute attestieren Farrag, dass er den besten Tragschrauber der Welt gebaut habe. Der Umbau in ein Motorrad ist theoretisch bereits möglich. Lediglich die letzten Adaptierungen für die Straßentauglichkeit fehlen noch. „Aus technischer Sicht wären wir innerhalb weniger Monate imstande, die ausständigen Details umzusetzen.“
Wären da nicht die behördlichen Auflagen. So ist zum Beispiel für den Straßenverkehr eine Windschutzscheibe vorgeschrieben, die für Tragschrauber viel zu schwer ist. Ähnliches gilt für die Reifen. Ein weiterer Streitpunkt stellt der Rückspiegel dar. Farrag weiß: „Im Grunde sind das alles Lappalien.“ Aber diese Lappalien halten ihn im Rennen um das erste massentaugliche flugfähige Straßenfahrzeug auf. Denn in den Niederlanden arbeitet ein Team an einem ähnlichen Projekt.
Doch während die niederländische Konkurrenz von einem Dutzend Partnern unterstützt wird, bekam Farrag von der heimischen Politik keine Hilfe. Der Daniel Düsentrieb hat das gesamte Projekt selbst gestemmt. „Die Wirtschaftskammer meinte, dass ich mit etwas Glück 50.000 Euro bekommen könnte“, erinnert sich der 57-Jährige, „nur, bei so einem Projekt bringen 50.000 Euro überhaupt nichts. Zumal mir beim Flughafen Hohenems nicht mal ein Abstellplatz zur Verfügung gestellt wurde. Ein deutscher Verkäufer mit einem deutschen Produkt dagegen hat kurz nach meiner Anfrage einen Platz erhalten.“
Farrag zieht daraus Konsequenzen und lagert das Projekt nach Slowenien aus. Dort wird der Ingenieur mit offenen Armen empfangen. Selbst ein Flugplatz wird für ihn gebaut. So wurde aus dem Wahl-Vorarlberger ein Exil-Vorarlberger. „Ich bin ungern gegangen. Weil ich mich als Vorarlberger fühle und das für mich der schönste Ort auf der ganzen Welt ist. Aber hier hat man mir nicht mal zugehört.“
Nichts wünscht sich Farrag sehnlicher, als ins Ländle zurückzukehren. Nur, solange der Erfinder in Österreich nicht adäquat gefördert wird, muss er im Ausland bleiben. Denn der Luftfahrtingenieur hat ehrgeizige Ziele. Er will zum einen mit dem Tragschrauber in Serienproduktion gehen.
Zum anderen will er die Genehmigung für sein kurz vor der Patentierung stehendes fliegendes Kabinenmotorrad bekommen. Mehr noch. In weiterer Folge soll es alternativ zum Motorrad auch einen viersitzigen Pkw geben.
Bei all diesen Plänen stellt sich natürlich die Frage der Zielgruppe. Eine davon sind Rettungseinrichtungen. So eigne sich Trixy hervorragend als Einsatzfahr- bzw. -flugzeug. Also zum Beispiel für Notärzte. Auch für Militärorganisationen soll die Maschine eine attraktive Option sein. Aber wer sonst kann sich Trixy leisten?
Der Tragschrauber kostet derzeit 60.000 Euro. Farrag hofft, dass der Preis auf 30.000 Euro sinkt – was aber nur realisierbar sei, wenn ein Konzern in das Projekt einsteige und es zu einer Massenproduktion komme. Zudem plant der 57-Jährige, das Pferd auch von hinten aufzuzäumen. Er will das Kabinenmotorrad als Straßenfahrzeug um 6000 Euro auf den Markt bringen: „Es wird sich dabei um ein Motorrad als Basiskonstruktion für Trixy handeln“, verdeutlicht der Unternehmer. Ihm schwebt vor, dass die Andockstation bei Fliegerclubs gemietet werden kann. „Selbst ein junger Erwachsener“, betont Farrag, „kann sich so seinen Traum von der Fliegerei erfüllen. Er kauft sich zunächst das Motorrad. Wenn er ein paar Jahre gearbeitet hat, kauft er die Andockstation. In der Zwischenzeit macht er den Pilotenschein und mietet den Propeller-Bauteil.“
Der Traum vom Fliegen treibt die Menschen seit jeher an. Freilich hat sich der längst erfüllt. Aber eben fast nur für Bessergestellte sowie waghalsige Sportler. Doch mit Rainer Farrags Trixy könnte sich bald eine breite Masse im eigenen Fluggerät in die Lüfte erheben.
Eine Vorarlberger Zukunftsvision, leider Made in Slowenien.
(NEUE/Hannes Mayer)