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Ein Mangel an „Stuhlkultur“

Darmspezialist Dr. Gebhard Mathis konnte vor einem vollen Veranstaltungssaal referieren. Darmspezialist Dr. Gebhard Mathis konnte vor einem vollen Veranstaltungssaal referieren. - © VOL.AT/ Hofmeister
von VN/Marlies Mohr - Wolfurt – Aber auch die Ernährung trägt wesentlich zu einem höheren Darmkrebsrisiko bei.

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Ernährung kann die Entstehung von Krebs direkt beeinflussen. Das belegen 7000 Studien, die von 200 Wissenschaftern analysiert wurden und aus denen Univ.-Prof. Dr. Gebhard Mathis beim Mini Med-Studium zum Thema Darmkrebs zitierte. Demnach sind rund 30 Prozent der Tumorerkrankungen durch einen ungesunden Lebensstil begründet. „Beim Darmkrebs dürften es noch mehr sein“, so die Einschätzung des Internisten, der maßgeblich an der Einführung eines Darmkrebsfrüherkennungsprogrammes mitgewirkt hat. Der Erfolg kann sich sehen lassen. Die jährlichen Neuerkrankungen konnten um ein Drittel reduziert werden. Bei konsequenter Inanspruchnahme der Vorsorge, ist Mathis überzeugt, ließe sich der Darmkrebs sogar gänzlich beseitigen.

Der Apfel gilt immer noch

Haut und Darm sind die einzigen Organe, bei denen eine primäre Krebsvorsorge möglich ist, nämlich durch das Entfernen auffälliger Muttermale bzw. Darmpolypen. „Werden die Polypen rechtzeitig abgetragen, kann kein Krebs entstehen“, lautete die klare Botschaft, die Gebhard Mathis an die Besucher im vollbesetzten Wolfurter Cubus richtete. Noch nehmen aber zu wenige Personen die Vorsorgekoloskopie in Anspruch, bei der verdächtiges Material in den Eingeweiden des Verdauungstraktes gleich eliminiert wird.

Rund sieben Jahre dauert es, bis aus einem Polypen ein Tumor entsteht. Viel Zeit also, dagegenzuhalten. Zum Beispiel mit der Ernährung. Zu viel Fett, vor allem tierisches, steht als Risikofaktor ganz oben. Denn es führt zu einer vermehrten Ausschüttung von Gallensäure. Diese wiederum bekommt dem Darm auf Dauer nicht. Schutz bieten Pflanzenfette wie Olivenöl, aber auch steirisches Kernöl, wie Gebhard Mathis explizit betonte. Ebenfalls günstig ist gedünstetes Gemüse. Wohingegen der Internist vor zu viel Fleisch und zu viel Alkohol warnte. Stattdessen sollte der Darm mit Ballaststoffen und komplexen Kohlenhydraten gefüttert werden. Die Devise vom täglichen Apfel, der den Arzt fernhält, gelte immer noch.

Käse aus Hochlagen

Als bekömmlich für den Darm haben sich weiters Vitamine und sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe erwiesen, wie sie etwa in Karotten und Erbsen vorkommen. Sie verfügen laut Mathis zwar über keinen Nährwert, schützen jedoch die Pflanze und ergo auch den Menschen. Hinter dem Begriff Alliumgemüse verbirgt sich ebenfalls dem Darm Zuträgliches, nämlich Zwiebeln, Lauch und Knoblauch. Auch Kalzium schützt das Verdauungsorgan. Als besonders gesund empfahl Gebhard Mathis in diesem Zusammenhang Käse aus Hochlagen über 1600 Meter. Verstopfung, ein Übel, das viele Menschen plagt, ist, so der Mediziner, an sich noch kein Risikofaktor. Aber: „Je länger Schadstoffe auf die Darmwand wirken, umso eher können sie krebserregend sein.“ Was diese Sache angeht, vermisst Mathis eine „Stuhlkultur“. Man nehme sich zu wenig Zeit am Häuschen. „Wer liest heute noch Zeitung am Klo?“, fragte er. Auch Übergewicht aufgrund von Bewegungsmangel bekommt dem Darm nicht unbedingt. Hierzulande sind bereits 16 Prozent der Männer, 17 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Kinder fettleibig. „Eine schlechte Entwicklung“, konstatierte Mathis. Dabei verbessert Bewegung sogar nach einer Krebserkrankung die Prognose deutlich.

Höchste Qualitätsstandards

In der Darmkrebsfrüherkennung nach wie vor etabliert ist der Test auf Blut im Stuhl. Dazu gibt es seit 1990 eine Überwachung von Risikopatienten und seit 2008 die Vorsorgekoloskopie, basierend auf höchsten Qualitätsstandards. Sie kann ab dem 50. Lebensjahr kostenlos im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung in Anspruch genommen werden. In einem nächsten Schritt sollen gefährdete Personen künftig direkt angeschrieben und zur Kontrolle eingeladen werden.

Fragen aus dem Publikum

Wie verteilt sich die Entstehung von Darmkrebs?
Mathis: Etwa 15 Prozent der Erkrankungen sind genetisch bedingt, 30 Prozent ernährungsbedingt und der Rest sind sogenannte sporadische Tumorfälle. Früher gab es in Vorarlberg jährlich etwa 180 Neuerkrankungen. Durch verschiedenste Vorsorgemaßnahmen konnte die Zahl auf 130 bis 140 gesenkt werden. Bei Darmkrebspatienten ist das Risiko, noch an einem anderen Krebs zu erkranken, leicht erhöht.

Ist Alkohol wirklich ein Risikofaktor?
Mathis: Große Mengen steigern das Krebsrisiko insgesamt.

Wie oft sollte man Stuhlgang haben?
Mathis: Die Bandbreite reicht von zweimal täglich bis zweimal wöchentlich.

Wo nimmt der Körper die Vitamine auf, wenn ein Stück vom Dickdarm fehlt?
Mathis: Dann werden sie im Dünndarm aufgenommen. Der Dickdarm hat nichts mehr mit der Verdauung zu tun. Er nimmt nur noch Wasser auf.

Der Darm wird auch geklammert. Was passiert mit diesen Klammern im Körper?
Wenzl: Ein Großteil der Klammern löst sich irgendwann auf und wird mit dem Stuhl ausgeschieden. Aber ich kann Sie beruhigen, es macht kein Klonk in der Kloschale. Einige verbleiben im Körper, da sie aus Titan sind, ist das jedoch problemlos.

Wie schaffen Sie es, den Darm während einer Operation ruhigzustellen und bei einer Wiedervereinigung von Darmstücken die richtige Nahtstärke zu treffen?
Wenzl: Die Ruhigstellung ist kein Problem, da am Darm nur eine geringe Peristaltik auftritt. Die Technik des Zusammennähens erfordert eine entsprechende Erfahrung, denn die Nähte dürfen weder zu locker noch zu fest sein.

Muss ich mir Sorgen machen, weil sich mein Stuhl ständig verändert?
Mathis: Anhaltende Veränderungen der Stuhlgewohnheiten gehören spätestens nach sechs Wochen ärztlich abgeklärt.

Wie sinnvoll ist Fasten?
Mathis: Alle Kulturen haben Fastenzeiten, also muss etwas dran sein. Wenzl: Das Fasten hat schon etwas Positives. Unlängst ist die Schwester meiner Freundin an Darmkrebs gestorben. Sollten sich die Familienangehörigen jetzt kontrollieren lassen? Mathis: Unbedingt. Ist eine Darmreinigung sinnvoll? Mathis: Verschiedene Rituale haben sich als nicht so sinnvoll erwiesen wie angepriesen.

Kann der Darm die Ursache für starkes Hautjucken sein?
Mathis: Das ist möglich.

Können Divertikel Krebs erzeugen?
Mathis: Nein.

Können sich Ausbuchtungen im Darm zurückbilden?
Mathis: Nein.

Kann man Darmkrebs spüren?
Wenzl: Wenn das passiert, ist der Krebs meist schon weit fortgeschritten. Alarmsignale sind Veränderungen der Stuhlgewohnheiten, jede Art von Blut im Stuhl, Müdigkeit, Blutarmut. Aber diese Anzeichen gelten für andere Tumorerkrankungen auch.

Lückenschluss mit zwanzig Nähten

Über die operativen Möglichkeiten bei Darmkrebs informierte Primar Univ.-Prof. Dr. Etienne Wenzl, Leiter der Chirurgischen Abteilung im LKH Feldkirch. Er betonte, dass Chirurgie, Chemo- und Strahlentherapie heutzutage Hand in Hand arbeiten und die Notwendigkeit einer Chemotherapie noch nicht das Ende aller Hoffnungen sein müsse. Die Überlebensprognose hänge zudem immer vom Stadium der Krebserkrankung ab.Schwieriges Unterfangen

Zum Therapieprinzip gehört das Entfernen des Tumors im gesunden Gewebe, soweit dies möglich ist, sowie das Entfernen der abtransportierenden Lymphgefäße und knoten. Denn über diese können sich Krebszellen im Körper verteilen. Eine Operation am Mastdarm ist übrigens ungleich schwieriger als am Dickdarm, weil sich in unmittelbarer Nähe wichtige Organe wie die Blase befinden. Da kann es zu Störungen der Blasen- und Sexualfunktionen kommen. Die Dickdarmchirurgie macht laut Wenzl weniger Probleme. In der Regel wird, wenn eine Operation notwendig ist, etwa die Hälfte des Darms entfernt. Bei einem genetisch bedingten Risiko muss oft alles raus. Der Grund: Der Darm ist übersät mit Polypen und daher kaum zu überwachen. Ein erhöhtes Darmkrebsrisiko haben auch Personen mit entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Morbus Ulcerosa.

Zeitlich befristete Lösung

Um die Darmenden nach einem Eingriff wieder zusammenzufügen, braucht es 15 bis 20 Nähte. Unter Umständen muss ein künstlicher Darmausgang geschaffen werden. Doch eine solche Lösung ist meist zeitlich begrenzt. Die Zahl der Patienten, die ständig damit leben müssen, sollte, so das Ziel der Chirurgen, unter 10 Prozent bleiben. Wenzl: „Im Vordergrund steht die Erhaltung des Schließmuskels.“ Liegt ein Darmverschluss vor, wird die Engstelle mit einem sogenannten Stent überbrückt, damit sich der Darm entleeren kann. Erst danach legt der Operateur Hand an.

Mini Med-Studium zum Thema Darmkrebs:

Dieses Video steht leider nicht mehr zur Verfügung- weitere Videos finden Sie auf www.vol.at/video



(Videobeitrag: VOL.AT/ Simon Vonbank)

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