Ein jugendliches Spätwerk

Von vai-Robert Fabach
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Einfamilienhaus Wäger in Übersaxen. Einfamilienhaus Wäger in Übersaxen. - © Christian Grass
Wer gute Architektur aus den 60er-Jahren kennt, staunt besonders über deren kompakte Form und Intimität bei gleichzeitiger Geräumigkeit. Dieses Kunststück hat kürzlich in lässiger Eleganz einer der Pioniere dieser Zeit an seinem eigenen Haus wiederholt. Wegweisend?

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Das Eigenständige an seinen Häusern hat zugleich etwas Widerständiges und es ist schon beim ersten Durchgang zu spüren. Das Haus auf dem Hang oberhalb des Ortskerns ist mit 85 m2 Nutzfläche sehr kompakt, aber dennoch geräumig. Das Haus ist aus Holz und nicht vorgefertigt. Das Haus verbraucht gerade mal 15 Euro Energie im Monat und hat doch nur eine durchschnittliche Energiekennzahl. Es hat keinen Balkon und keinen Windfang. Rudolf Wägers Bauten fallen heute formal nicht mehr auf, zeigen aber bei aufmerksamer Betrachtung meisterhaften Eigensinn.

Prosaischer Sitzplatz

Der Haus sitzt an einem steilen Hang über der Ortsmitte und duckt sich etwas hinter eine Geländekuppe, die zugleich eine ebene Fläche entlang der Südseite schafft. Das Gebäude betritt man hangseitig. Ein Unterstand für ein Auto, der zugleich als Vordach dient und eine mannshohe Betonwand flankieren den Zugang. Sie schirmt einen prosaischen Sitzplatz vorm Haus von der Straße ab, von dem aus man auf beschauliche Wiesen und einige Nachbarhäuser blickt. Wer das Haus betritt, steht ohne Umschweife im knappen Flur des Hauses, der über zwei Stufen ins Badezimmer führt und bis ins Schlafzimmer blicken lässt. Ganz unscheinbar zweigt noch eine Treppe in das Untergeschoß ab, welches das Haus halb unterkellert. So wird die Hanglage ohne große Erdarbeiten geschickt ausgenutzt und ein schmales Fensterband macht dort das Archiv des Bauherrn zu einem attraktiven Raum.

Rechts vom Eingang: eine einzeilige Küche. Ein flaches Fenster über der eleganten Arbeitsfläche aus Edelstahl bringt Licht und breite Aussicht in den präzise ausgetüftelten Raum. Den Schrank gegenüber mit Schubladen und Kühlschrank teilt sich die Küche mit dem Flur, denn auf der Rückseite ist die Garderobe untergebracht.

Zur linken Hand betritt man den großen Wohnraum. Eine richtige Stube. Dunkles Robinienparkett und helles Tannenholz an den Wänden und an der Decke schaffen jenen „ruhigen Raum“ den der Planer und Bewohner sich gewünscht hat.

Ein halbhoher Schrank mit Büchern und Geschirr unterteilt sanft zum Wohn- und Lesebereich. Über zwei Stufen steigt man hoch und spürt auf der gemütlichen Lesecouch weder die 2,34 m Raumhöhe, noch die knappen 3,5 m in der Raumbreite. Von dort führt eine Öffnung in das Schlafzimmer, das mit einem großen Doppelbett und hellen Fensterbändern nichts vermissen lässt.

Gegenwart und Baugeschichte

Ein Besuch bei Rudolf Wäger ist ein Besuch in der Gegenwart und in der Baugeschichte zugleich. Er könne sich nicht mehr erinnern, wie viele Häuser er allein für sich gebaut habe. Es ist auf jeden Fall 50 Jahre her, dass er mit seinen Brüdern Heinz und Siegfried Wäger auf einem Grundstück seines Vaters ein Wohnhaus selbst errichtet hatte. Heinz Wäger hatte Ende der 50er-Jahre an der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm Design studiert und den Geist einer radikalen Klarheit und funktionellen Innovation mitgebracht. Durch seinen Einfluss begann auch Rudolf Wäger als gelernter Zimmermann sich mit Architektur zu beschäftigen und wurde zu einem jener Pioniere der Vorarlberger Baukultur, die Anfang der 1960er- Jahre begannen, eigene Lösungen zu schaffen und sich eine eigene Form der Moderne zu erarbeiten und „erbauen“. Diese architektonische Moderne betrieb er als solides Handwerk ein Berufsleben lang und fand durch exemplarische Bauten wie das „Würfelhaus“ von 1966 und die Siedlung Ruhwiesen von 1973 in Fachkreisen Berühmtheit.

Haus als "Notwehr"

Mit ihm über Architektur zu reden, bedeutet vor allem über das Bauen zu reden. Sein Haus war letztendlich „Notwehr“ auf der vergeblichen Suche nach einer Wohnung. Das spürt man am ärgerlichen Brummen über „Standardblöcke“ und „Schichtentorten“, die heute ohne Unterschied in allen Lagen hochgezogen werden. Er sieht das Einfamilien-haus durchaus kritisch, obwohl es 90 % seines Werks ausmacht. „Es gibt einfach Lagen, an denen es aber vollkommen Sinn macht“, und fragt sich zugleich, wieso das Reihenhaus oder eine flache verdichtete Bauweise so stiefmütterlich behandelt werden. Kritisch auch sein Blick aus der eigenen Erfahrung auf Vorfertigung und industrielle Bauprodukte, die er aus Kostengründen meist wieder fallen gelassen hatte.

Small is beautiful. Die Kunst aus der Beschränkung Schönheit zu machen. Man lernt – wieder einmal – dass ein bis auf die Einrichtung durchgeplantes Haus zu einem wohligen und funktionellen Wohnmöbel werden kann. Das Rezept scheint einfach, braucht aber mehr Individuallösungen und den feinen Stift des Planers, der das große Ganze bis ins Detail durchdenkt.

Daten und Fakten

Objekt: Einfamilienhaus Wäger, Übersaxen

Grundstücksgröße: 540 m²

Wohnnutzfläche: 85 m²

Erdgeschoß: 58 m²

Planungsbeginn: 2010

Fertigstellung: 2011

Energiekennzahl: 43 kWh/m²/a

Baufirma: Peter Keckeis, Rankweil

Zimmerei: Gebrüder Keckeis, Lustenau

Fenster: Wilfried Eisele, Feldkirch

Heizung: Erdwärmepumpe und Solarpaneele für das Warmwasser von Wucher+Müller, Ludesch

Konstruktion: Massivholzkonstruktion mit insgesamt 22 cm Wärmedämmung und hinterlüfteter und unbehandelter Lärchenholzschalung auf teilunterkellerter Bodenplatte aus Stahlbeton. Wand und Decke innen mit unbehandeltem Täfer aus Tannenholz.

Für den Inhalt verantwortlich: vai Vorarlberger Architektur Institut

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