Ein Häuschen steht im Walde

Von Edith Schlocker
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Während die zwei Vorgängerhäuser komplett im Wald gestanden sind, steht das neue auf einer Lichtung.
Während die zwei Vorgängerhäuser komplett im Wald gestanden sind, steht das neue auf einer Lichtung. - © Elmar Ludescher
Elmar Ludescher und Philip Lutz haben auf einer Lichtung im Tettnanger Wald im Baden-Württembergischen ein Forsthaus ganz aus dem Holz gebaut, das im umliegenden Wald wächst.

Die alten Hütten, in denen die Forstarbeiter bis vor Kurzem im Tettnanger Wald rasteten bzw. Schutz vor Wind und Wetter fanden, aber auch ihre Werkzeuge lagerten sowie ihre Fahrzeuge unterstellten, waren baufällig und entsprachen den Anforderungen längst nicht mehr. Um durch ein kompaktes neues Haus ersetzt zu werden, das außerdem einen Raum haben sollte, in dem Wild waidgerecht aufgebrochen, zerlegt und in einer Kühlkammer gelagert werden kann.

Dass das neue Forsthaus Tannau von den Bregenzer Architekten Elmar Ludescher und Philip Lutz gebaut worden ist, ist dem architekturaffinen Oberförster der baden- württembergischen Staatsforste, Roland Teufel, zu verdanken. Ihn hatte Philip Lutz vor ein paar Jahren kennengelernt, als dieser ihm Eibenholz zum Kauf angeboten hat. Der Deal kam zwar nicht zustande, als der Neubau des Forsthauses akut wurde, brachte Teufel aber mit Erfolg die zwei Vorarlberger Architekten ins Spiel, die große Erfahrung im Bauen mit Holz mitbringen – am liebsten mit dem Holz, das vor Ort geschlagen wird. Was sich auf ideale Weise mit den Vorstellungen der Staatsforste deckte.

Während die zwei Vorgängerhäuser komplett im Wald gestanden sind, steht das neue auf einer Lichtung, die zum Leidwesen von Ludescher und Lutz „etwas sehr zu groß“ geraten ist. Werden doch die inzwischen neu gepflanzten Bäumchen sehr lange brauchen, um den Ort wieder in ein lauschiges Plätzchen zu verwandeln. Vielleicht die romantische Vorstellung von einem Haus Wirklichkeit werden wird, das mitten im Wald steht und aus dessen Kamin, der so hoch ist wie die Baumgipfel rundum, Gemütlichkeit suggerierend Rauch quillt.

Bis auf die betonierte Bodenplatte ist das Forsthaus Tannau komplett aus vorproduzierten, ganz ohne Leim in Diagonaldübeltechnik produzierten Brettstapelelementen gebaut. Die äußere Schalung ist hinterlüftet und durch ein Winddeckpapier abgedichtet. Schindeln, die aus dem Holz der Douglasien gemacht sind, die seit rund 100 Jahren im Wald rund um das Forsthaus wachsen, bilden die äußere Haut inklusive des raffiniert verschobenen Walmdachs. Wobei dessen Schindeln bereits jetzt schon schön zu vergrauen beginnen.

Der Grundriss des Forsthauses Tannau ist 14 mal 16 Meter groß, intern in drei komplett unterschiedliche Zonen mit jeweils eigenen, zu großzügigen Nischen ausgebildeten Zugängen geteilt, die formal das Dahinter spiegeln. Öffnet sich die Front des Raumes, der Werkstatt und Garage ist, doch durch drei raumhohe Doppeltore, während der, in dem das Wild zerlegt wird, wie eine moderne, hygienisch einwandfreie Metzgerei daherkommt. Richtung Westen setzt sich der Raum, in dem die Waldarbeiter rasten, essen und feiern, in einer geschützten Terrasse nach außen fort. Die „Stube“ ist mit 2,46 Meter Höhe atmosphärisch stimmig rund einen halben Meter niedriger als die übrigen Räume. Möbliert mit einer umlaufenden Holzbank, einem langen Tisch und Stühlen, die aus hellem Ahornholz als erfrischend heutige Neuinterpretation traditioneller Stubenmöbel getischlert sind. Was ganz dem Geist der Architektur entspricht, die bewusst keinerlei Klischees von einem Forsthaus bedient. „Wir wollten nicht 1900 spielen“, sagt Philip Lutz, ist für ihn Architektur doch eine Kulturleistung, die unmittelbar mit der Zeit zu tun haben muss, in der sie entsteht.

Im Forsthaus Tannau gibt es aber auch eine kleine Küche und Garderobe, schnörkellose Sanitärräume und einen über eine breite Stiege erreichbaren großen, bis unter das Dach offenen Raum. Zentrum des Hauses ist allerdings der riesige, aus Schwarzblech gebaute Ofen, dessen in einen schlanken verschindelten Pyramidenstumpf eingemauerter Kamin das Dach rund vier Meter überragt. Er wird mit dem Holz aus dem nahen Wald befeuert und die Wärme über Klappen in jenen Raum gelenkt, der gerade beheizt werden soll. Wärme, die nicht gebraucht wird, wird über einen Pufferspeicher in die Bodenplatten geschickt, womit das ganze Haus mit sehr wenig Aufwand frostfrei gehalten werden kann.

Daten und Fakten

Objekt: Jagd- und Forsthaus Tannau

Bauherr: Landesbetrieb Forst Baden-Württemberg, Betriebsteil Bodenseekreis, Friedrichshafen

Architektur: Ludescher + Lutz, Architekten Elmar Ludescher und Philip Lutz, Bregenz, www.elmar-ludescher.at, www.philiplutz.at

Statik: merz kley partner ZT GmbH, Dornbirn, www.mkp-ing.com

Bauphysik: Bernhard Weithas, Lauterach, www.weithas.com

Planung: 7/2013–8/2014

Ausführung: 3/2015–8/2015 Grundstücksgröße 60 ha Nutzfläche 340 m² Besonderheiten komplett aus eigenem Holz Ausführung Baumeister: Denzel Bau, Ravensburg; Zimmerer: Sohm Holzbau, Alberschwende; Fenster: Christoph & Heinrich Breyer Lindau; Innenausbau: Schreinerei Kathan, Tettnang; Ofenbauer: Dieter und Sandkühler, Markdorf; Heizung/Lüftung: Manfred Schmid, Sigmarszell; Elektro: Winfried Ruetz, Tettnang

Baukosten: ca. 400.000 Euro

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