Ein Blick über die Grenzen Österreichs

Ein Blick über die Grenzen Österreichs
Die Situation der Startups in verschiedenen Nachbarländern. Österreichs Wirtschaftsdelegierte berichten.

Der gebürtige Vorarlberger Dr. Michael Scherz, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in München, berichtet gegenüber den VN. „Deutschland als großer und nahe liegender Markt ist für österreichische Start-ups, die häufig als Born-Globals von Beginn ihrer Aktivitäten an die internationalen Märkte in ihr Geschäftsmodell einbeziehen, von überragender Bedeutung. Hier erfolgt in der Regel der erste Expansionsschritt in einen deutlich größeren Absatzmarkt.“ Und weiter: „Das erfordert von jungen Unternehmen ein Hochskalieren der eigenen Prozesse und konfrontiert diese mit einem regulatorischen Umfeld, das dem österreichischen auf den ersten Blick ähnlich ist, sich aber in vielen Details unterscheidet.“ Abgesehen von Größe und Bedeutung des Absatzmarktes bietet Deutschland auch Partner und Netzwerke, die dieselbe Sprache sprechen, in der jeweils engen Marktnische in Österreich aber häufig nicht zu finden sind: Investoren, Open-Innovation- Abteilungen und Technologiescouts aus Großindustrie und internationalen Konzernen, spezialisierte Dienstleister, anwendungsnahe Forschung, technologiespezifische Cluster, Verbände und Netzwerke sowie hoch qualifiziertes Personal.

„Die entsprechenden Ökosysteme in Deutschland haben sich hauptsächlich in den beiden Metropolen Berlin und München etabliert, wo die Potenziale der Start-up-Economy auch von der lokalen Politik erkannt und entwickelt werden. Der Berliner Senat und die bayerische Staatsregierung fördern junge Unternehmen durch Finanzierung, Beratung, Vernetzung und mehr“, erläutert Scherz. „Bei all diesen Themen und Fragestellungen unterstützen wir junge Unternehmen aus Österreich bei ihrer Reise auf die internationalen Märkte, die in den allermeisten Fällen in Deutschland beginnt. Am österreichischen AußenwirtschaftsCenter in München wurde dafür auch die Stelle eines Technologiebeauftragten geschaffen, deutschlandweit zuständig für die Agenden im Bereich Technologie und Innovation, Ansprechpartner für Fragen der Vermarktung und Vernetzung. Für Februar 2017 ist eine eintägige Veranstaltung in München geplant, bei der österreichische Technologie- Start-ups mit der bayerischen Industrie vernetzt werden“, so Scherz abschließend.

Schweiz – Markt für Start-ups
Mag. Manfred Schmid, österreichischer Wirtschaftsdelegierte in Zürich für die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein, führt aus: „Die Schweiz ist nicht nur ein kapitalkräftiges und wettbewerbsfähiges Land, sondern ist wie kaum ein anderer Wirtschaftsraum offen für neue konzeptionelle und technologische Entwicklungen. Nicht umsonst ist die Schweiz Innovationsweltmeister.“ Trotz des hohen Stellenwertes der Bewahrung und Kultivierung der Traditionen ist die Schweiz gleichzeitig immens darauf fokussiert, die Zukunft als Innovations- Leader zu gestalten.

Der Konsens lautet: Mittels Innovation das hohe Wohlstandsniveau langfristig sichern. Schmid verweist auf Digital Switzerland, nur eine der vielen Initiativen, die den Wandel proaktiv angeht. Der kantonale Wettbewerb, überregionale Cluster sowie die Schwerpunktfokussierung von Forschungseinrichtungen sind fruchtbarer Nährboden für Unternehmensgründer. Besonders erfolgreich ist die engmaschige Zusammenarbeit der Universitäten und Fachhochschulen mit der Wirtschaft und die daraus resultierende Spin-off-Kultur. Manch ein Geschäftskonzept eignet sich schon sehr früh über den regionalen oder heimischen Markt hinaus ausgerollt zu werden. Diese Born- Globals stehen dabei vor der Herausforderung, mit den zumeist limitierten Ressourcen notwendige Internationalisierungsschritte zu stemmen. Und Schmid abschließend: „Schafft man als österreichisches Start-up-Unternehmen aber die Nagelprobe in dem wettbewerbsintensiven Schweizer Markt, bieten sich dort ideale Rahmenbedingungen und Netzwerke, mit welchen eine Markterschließung in weitaus größerer Dimension möglich wird. Das AußenwirtschaftsCenter Zürich knüpft für österreichische Start-ups diese Netzwerke.“

Potenziale in Italien
„Italien bietet trotz einiger struktureller und bürokratischer Herausforderungen durchaus Potenzial für junge, innovative Start-up- Unternehmen. Bereits die sogenannte Technokratenregierung Monti hat durch das Decreto Destinazione Italia eine Rechtsgrundlage für die Finanzierung durch Crowdfunding für innovative Start-ups geschaffen“, so Mag. Gudrun Hager, österreichische Wirtschaftsdelegierte in Mailand, gegenüber den VN. Um Gründungen innovativer Unternehmen zu unterstützen, hat Italien als erstes Land in Europa die rechtlichen Grundlagen für das „equity-based crowdfunding“ gelegt. Ferner hat die Regierung weitere Steuererleichterungen bei Investitionen in Start-ups geschaffen. Sowohl juristische als auch natürliche Personen profitieren von dieser Norm. Unternehmen können sogar bis zu 20 Prozent des Investitionsvolumens – von maximal 1,8 Millionen Euro – von der Körperschaftssteuer absetzen. Der von der Einkommenssteuer abziehbare Betrag steigt auf 25 Prozent und sogar auf 27 Prozent für die Körperschaftssteuer an, wenn in Start-ups investiert wird, die im sozialen Bereich tätig sind oder Produkte und Dienstleistungen mit hohem technologischen Wert im Energiesektor entwickeln.

Hager: „Die Anzahl der Crowdfunding-Projekte beträgt im Norden des Landes 69 Prozent, 19 Prozent im Zentrum und zwölf Prozent im Süden. Davon sind 47 Prozent innovative Start-ups. Das italienische Zentrum der Gründerszene ist die Lombardei. Mehr als 20 Prozent der als ,innovativ‘ anerkannten Start-ups haben ihren Sitz in dieser Region. Am 31. Jänner 2016 waren hier 1111 solcher Neugründungen registriert. An zweiter Stelle liegt die Region Emilia-Romagna mit 562 Start-ups, gefolgt von der Region Latium mit 497 innovativen jungen Unternehmen. Italienweit waren zu diesem Zeitpunkt 5048 Firmen im ,Start-up-Innovative‘-Programm registriert.“ Italienische Start-ups sind eher klein und die etwa 140 Unternehmen im Nanotechnologiebereich haben weniger als 50 Mitarbeiter. Für das De Nora Venture Forum am 5. und 6. Dezember 2016 in Mailand werden innovative Chemie-Start-ups gesucht. Ferner hat Italien die Società benefit (B-Corp) eingeführt.

Zweck ist die Förderung der Gründung und der Verbreitung von Gesellschaften, die über ihre wirtschaftliche Betätigung und Gewinnerzielung und -verteilung hinaus einen oder mehrere gemeinnützige Zwecke verfolgen, indem sie in verantwortlicher, nachhaltiger und transparenter Weise handeln. Italien ist nicht nur der erste EU-Staat, sondern gehört zu den ersten Staaten weltweit, die sich dem Thema der B-Corp gesetzlich angenähert haben, um damit Businessaktivitäten mit innovativen Modalitäten zu reglementieren. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass Immigranten in Italien erfolgreiche Startup- Unternehmen führen. Südtirol hat insbesondere seit 2015 große Schritte zur Förderung von Forschung und Innovation gewagt. Der Spatenstich für das neue Technologiezentrum und die Zusammenfügung der Landesgesellschaften in eine einzige Gesellschaft „IDM“ (Innovation Development) sind gute Voraussetzungen für innovative Start-ups. Die autonome Provinz Bozen bietet zudem finanzielle Förderungen und auch Sponsoring für junge Unternehmen und Projekte an.

Innovationsschmiede Ungarn
Mag. Jürgen Schreder ist österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Ungarn. Er führt u. a. aus: „Ungarn zählt durch die internationalen Erfolge im Technologiebereich von Prezi (Online-Präsentationen), NNG (Nav’n’Go Navigationssysteme) oder Ustream (Videostreaming) zu den Innovationsschmieden der Region. Und die Erfolge sind nicht unbegründet: seit knapp zehn Jahren formen verschiedene Wettbewerbe, Veranstaltungen und diverse Online-Medien eine stetig wachsende Community rund um das Thema Start-up.“ Den Startschuss gab 2008 der aus freiwilligen Spenden ins Leben gerufene Start-up- Underground-Wettbewerb mit Investitionsbörse. Es folgten weitere Events in diversen Bereichen: die European Entrepreneurship Foundation katalysierte die Unternehmensschulung, mehrere einschlägige Medien gingen online und auch internationale Topevents wählten Ungarn als Schauplatz.

„Die staatliche Teilnahme erstreckt sich indes überwiegend auf Veranstaltungen und Konferenzen. Als direkte Fördermaßnahme sind hier ab 2017 Steuerermäßigungen für die Investorenseite angesetzt. Tatsächliche Kapitalmittel strömten dagegen überwiegend über das von der EU gesponserte ,Jeremie‘- Kapitalprogramm zu den innovativen KMUs (über 420 Mill. Euro bis Mai 2016)“, fährt Schreder fort. Einen großen Anteil am Aufblühen der Start-up-Szene hat die Präsenz bereits international erfolgreicher Start-ups und deren Gründer, wobei vor allem Prezi mit seiner CSR Mission hervorsticht: neben der Organisation von Veranstaltungen und Sponsoring in der Szene stößt die Firma in das breitere gesellschaftliche Bewusstsein vor. Eigens gegründete Kindergärten und Schulen sowie ein starkes Engagement zu diversen sozialen und gesellschaftlichen Themen profilieren das Unternehmen.

 

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