Die Stadt im Dorf

Von Fabian Ruppanner
Die Stadt im Dorf
© Darko Todorovic, Michael Fenk
Diepoldsau ist ein Ort, wie es ihn zu Hunderten gibt. Nicht mehr Dorf, noch keine Stadt. Ein buntes Gemisch aus Bauernhäusern von damals und rechteckigen Mehrfamilienhäusern von heute. Die Wohnüberbauung „lässer wohnen“ versucht den Brückenschlag. Und zeigt, wie man Verdichtung und Kontext unter ein Dach bringt.

Langsam zieht der Nebel über die feuchten Wiesen. Die feinen Tropfen legen sich wie ein Film über die Landschaft zwischen den Flüssen. Diepoldsau liegt gefangen zwischen Neuem und Altem Rhein. Eine schnurgerade Straße verbindet die Schweiz mit Vorarlberg – und trennt Diepoldsau. Auf der einen Seite ist der Ort geprägt von Industrie. Das nahe Ausland macht ihn zu einem beliebten Standort. Auf der anderen Seite liegen Bauernhöfe, alte Ställe, Wohnhäuser aus der Nachkriegszeit. Die grüne Wiese von einst ist heute überzogen mit einem Flickenteppich aus bunten Quadern. Mehrfamilienhäuser sind keine architektonische Avantgarde mehr. Sie bedienen die breite Masse und bieten scheinbar moderne Wohnqualitäten. Kompakt finanziert und gebaut bleibt nicht viel Spielraum für lokale Verankerung. Die farbenfrohen Klötze blühen überall gleich: im Ballungsgebiet, im Dorf, auf dem Land und in der Stadt.

Diepoldsau, ein Ort irgendwo zwischen Dorf und Stadt. Ein Ort, symptomatisch für ganze Landstriche in der Schweiz und in Österreich. Wie soll verdichtet werden? Wie schafft man es, dass der Ort trotzdem seine Identität behält? Wie übersetzt man dörfliche Qualitäten in die heutige Realität? Die Wohnbebauung „lässer wohnen“ versucht, darauf Antworten zu geben. Mit Verständnis für die Umgebung und mit erstaunlich städtischen Absichten.

Der Ort ist Programm. Mitten auf der grünen Wiese stehen zwei lange hölzerne Gebäude. Ein Turm aus feinen Betonstützen verbindet die beiden, steile Satteldächer krönen sie. Die sägerauen Weißtannenbretter der Fassade leuchten noch frisch. Bald wird sie die Verwitterung den umgebenden Landwirtschaftsbauten angleichen. Unterschiedlich breite Abstände zwischen den vertikalen Latten lassen punktuell Durchblicke zu. Durchgehende, horizontale Brandriegel aus Eiche strukturieren sie in der Höhe. Die beiden Körper sind längs der Straße platziert, die Ausrichtung der Giebel stärkt dies zusätzlich. Ein quadratischer Durchgang in der sonst geschlossenen Fassade gibt den Blick frei nach innen. Die beiden Körper bilden einen gemeinsamen Hof. Der Erschließungskern aus Beton grenzt ihn nach hinten ab. „Die ‚Leere‘, der Raum zwischen den Gebäuden, [sei] der wesentliche Bestandteil des Projekts.“ Diese Forderung des Tessiner Architekten Luigi Snozzi haben sich Willi und Eva Lässer zu Herzen genommen.

Beim Ankommen merkt man, dass die Siedlung neue Wege geht. Es gibt keinen klassischen Eingangsbereich, keine innere Erschließung. Vom Innenhof führen die steinernen Stiegen im offenen Treppenhaus zu den zehn Wohnungen. An den feinen Betonstützen wird sich bald auch das Grün der Wiese nach oben schlängeln. Auf den einzelnen Geschoßen öffnen sich die Fassaden der beiden Häuser zu tiefen Loggien. Von hier betritt man die Wohnungen. Raumhohe Fenster verknüpfen sie mit der Begegnungszone. Sind die Treppen noch öffentlich, steht man hier plötzlich schon halb in der Wohnung. Der Materialwechsel von Beton zu Holz unterstreicht diesen Übergang. Mittels Vorhängen können die Bewohner selbst definieren, wie viel Ein- oder Ausblick sie wollen. Für alle Fälle öffnen sich in den Südecken beider Häuser noch vollkommen private Loggien.

Die Grundrisse legen sich eng an die einstigen dörflichen Hofstrukturen an. Durch ihre Dichte sind sie aber auch eine urbane Antwort auf das Leben miteinander. Gekonnt überlagern Architektin und Architekt historische Referenzen und heutige Ansprüche, privaten Wohnkomfort und den Wunsch nach sozialer Interaktion. Die individuellen Bedürfnisse der Bauherrschaft wurden natürlich auch berücksichtigt. Dass es sich dabei um die eigenen Kinder und Geschwister handelte, machte für Vater und Tochter einiges einfacher. Die soziale Dichte überzeugt aber auch außerhalb des familiären Umfelds: Die übrigen sieben Wohnungen waren schon lange vor Bezugstermin vermietet.

Alle Wohnungen folgen der gleichen Logik. Die schmalen, aber langen Baukörper ermöglichen es, dass sie von allen vier Seiten belichtet werden. Ein großer Ess-, Wohn- und Kochbereich mit Zugang zu beiden Loggien ist das Herzstück. Die weiteren Nutzungen legen sich als Raumschicht direkt an die Fassade. Durch die geschickte Aufteilung reduziert sich die Gangfläche auf ein Minimum. Die hellen Räume sind großzügig geschnitten und können unterschiedlich genutzt werden. Große Fenster am richtigen Ort rahmen die voralpine Landschaft. Die raumhohe Verglasung der Loggien öffnet lange Blickachsen: Man sieht, wer kommt und geht.

Der Ausbaustandard ist hochwertig, aber dezent: weiß gestrichene Wände, Fichte an der Decke, geölte Eiche am Boden. Einzig unter dem Dach überzieht das Holz den gesamten Giebel bis zum Kniestock. Die Materialien lassen die Konstruktion greifbar werden. Beide Gebäude sind in Holzelementbauweise erstellt, die Geschoßdecken ein Holz-Beton-Verbundsystem. Dieses Fügen spürt man überall – die Stöße sind fast schon überzeichnet zum Stilelement.

In grauen Bahnen zieht der Nebel durch den Innenhof. Mit ihrer Überbauung haben Architektin und Architekt, haben Tochter und Vater ihren Heimatort weitergedacht. Die beiden hölzernen Körper stehen selbstverständlich in der Landschaft. Hier wird das Dorf ein bisschen zur Stadt.

Daten & Fakten

Objekt Neubau Wohnüberbauung mit 10 Wohnungen
Bauherr Familie Lässer, Diepoldsau
Architektur bb architektur, Diepoldsau www.bbarch.ch Willi Lässer, Eva Lässer
Fachplaner Holzbau: SJB. Kempter Fitze, Herisau
Planung 2014–2016
Bau 11/2015–11/2016
Grundstücksgröße 1282 m²
Wohnnutzfläche 938 m²
Ausführung Holzbau: Schöb AG, Gams; Hoch Holzbau AG, Diepoldsau
Bauweise Innen-, Außenwände und Dach aus Holzelementen; Geschoßdecken Holz-Beton-Verbundsystem; Fassade sägeraue Weißtanne mit Brandriegeln aus Eiche; Dach Kupfer; Treppenturm und Tiefgarage Sichtbeton; Heizung: Fernwärme; Warmwasser mit Energie aus Solarzellen
Energiekennwert unter 38 kWh/m² im Jahr inkl. Warmwasser (Minergie-Standard) Kosten: ca. 3,46 Mill. Euro

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