Prof. Dr. Franz Josef Radermacher zählt zu den profundesten Verfechtern einer globalen Lösung im Bereich des Klimaschutzes. - © VOL.at/Hartinger
Wenn Sie mit dem 21. 12. den Maya-Kalender meinen, das ist so etwas von absurd. Dazu gibt es wirklich nichts weiter zu sagen.
Dann zu ernsteren Dingen. Der Club of Rome, dessen Mitglied Sie sind, hat schon vor 40 Jahren vorausgesagt, dass die absoluten Wachstumsgrenzen in diesem Jahrhundert erreicht werden. Gilt diese These immer noch?
Die Aussage des Club of Rome ist zuerst einmal richtig zu interpretieren. Er hat gesagt, man muss beim Wachstum physikalische Grenzen in Betracht ziehen. Es gibt auch einen Report des Club of Rome, der heißt „Grenzen des materiellen Wachstums – keine Grenzen für das Gehirn“. Mit anderen Worten, es geht um Wachstum, das aus einer Innovation resultiert, die nicht ressourcenintensiv ist, sondern eine Intelligenzrevolution darstellt, wie wir sie zum Beispiel bei Computern haben. Wir brauchen aber auch ein anderes Wachstum, nämlich für eine ausgeglichene und friedliche Welt mit 10 Milliarden Menschen.
Wie muss dieses Wachstum aussehen?
Es muss ein dematerialisiertes Wachstum sein. Das heißt, es darf nicht zulasten des Ressourcenverbrauchs gehen und schon gar nicht auf fossilen Energien beruhen. Die Energie ist die kritische Ressource. Wir müssen entweder andere Energieformen finden, die umweltfreundlich und klimaneutral sind, oder mit weniger Energie auskommen. Allerdings hat sich die Situation deutlich verkompliziert. Unsere Lage ist viel kritischer als vor 30, 40 Jahren, weil wir uns speziell bei den Energievorräten permanent in immer höhere Verbraucherbereiche bewegt haben. Das heißt jedoch nicht „kein Wachstum“, sondern es heißt „grünes Wachstum“.
Wie soll das gehen, wenn die Staaten nicht einmal beim Klimaschutz zusammenfinden?
Richtig betrachtet war Durban kein Rückschritt, sondern wie Kopenhagen ein Fortschritt. Zumindest ein Fortschritt in der Behandlung des Problems, das wir wirklich haben, nämlich das Problem, wie bekommen wir einen globalen Kompromiss hin. Einen, der akzeptabel ist für Österreich, aber auch für China, die USA und Indien. Denn in dieser Thematik sind weder Deutschland noch Österreich der Nabel der Welt. Es sind die USA mit ihren Machtmitteln und die Chinesen und Inder mit ihren unglaublichen Menschenzahlen. Einen Kompromiss, der für diese Staaten akzeptabel wäre, haben die Europäer bisher nicht vorgelegt.
Sondern?
Es waren Kompromisse, die nur nach unserer Logik viel Sinn machen. Wir sind in Durban und Kopenhagen in Bezug auf eine allgemein akzeptable Lösung weitergekommen. Ob die noch in das 2-Grad-Ziel (Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um maximal 2 Grad) transformiert werden kann, ist eine andere Frage. Aus meiner Sicht geht das, wir müssen allerdings Dinge tun, zu denen wir in Europa noch nicht bereit sind.
Zum Beispiel?
Wir müssen sehr viel mehr von dem Geld, das wir zur Lösung des Klimaproblems verwenden, anderswo auf dem Globus einsetzen. Es gibt bei uns eine sehr nachvollziehbare Reaktion, nämlich den Klimaschutz vor Ort zu betreiben, damit unser Geld vor Ort zum Einsatz kommt. Nur sind unsere CO2-Emissionen nach solchen Investitionen immer noch viel zu hoch, und wir haben auch nichts dagegen getan, dass die Brasilianer, Chinesen und Inder ihre Emissionen massiv erhöhen. Wir müssen daher mehr Bereitschaft entwickeln, mit unserem Geld zu bewirken, dass auch die etwas tun, die gute Argumente haben, nichts zu tun, solange wir nicht dafür bezahlen, dass sie etwas tun. Und diesen Punkt verstehen die meisten nicht.
Reicht da „global denken und lokal handeln“?
Ich würde sogar sagen: Global handeln und lokal handeln und global denken und lokal denken.
Was beinhaltet das?
Dazu gehört, 5 bis 10 Millionen Quadratkilometer weltweit aufzuforsten. Und zwar auf abgeholzten Flächen des Südens. Das entspricht in etwa der Fläche der EU. Man kann mit dem Aufforsten das CO2 aus der Atmosphäre herausziehen. Damit gewinnt man Zeit. Gleichzeitig ist es ein Global-Marshall-Projekt in dem Sinne, dass es Arbeitsplätze schafft, erneuerbare Energie, Nahrung, Wasser, also alles, was zur sozialen Seite der weltweiten Nachhaltigkeit gehört.
Wer soll das bezahlen?
Leute, die über hohe Einkommen verfügen. Das sind insbesondere jene der reichen Welt, aber ebenso die Reichen der armen Welt.
Die Politik getraut sich doch jetzt schon nicht, die Reichen anzuzapfen. Wie soll dann Ihr Vorschlag funktionieren?
Man muss die Reichen nicht anzapfen. Die Politik muss ihnen nur Möglichkeiten bieten, sauber ihren Beitrag zu leisten, etwa durch klimaneutrales Reisen. Wenn jemand ein Ticket bucht, tippt er „klimaneutral“ an und zahlt dafür. Viele Firmen verpflichten ihre Mitarbeiter schon dazu, weil sie unter Beobachtung von Nicht-Regierungsorganisationen und Kunden stehen. Wir müssen dann aber auch anerkennen, dass sie auf diese Weise einen Lösungsbeitrag geleistet haben.
Wie viel Zeit bleibt eigentlich noch, um die Welt zu retten?
In dieser Rechnung haben wir bis 2050 Zeit. Die Frage ist jedoch vielmehr, besteht eine realistische Chance, das 2-Grad-Ziel zu erreichen.
Und, gibt es sie?
Natürlich, ich sehe sie bei 35 bis 40 Prozent. Persönlich glaube ich nicht daran.
Was verträgt unsere Erde eigentlich noch?
Genau das wissen wir nicht. Insofern operieren wir in einem sehr labilen Umfeld, und jeder vernünftige Mensch würde mit höchstem Tempo schauen, dass wir das Problem nicht noch vergrößern. Doch genau das tun wir, weil wir uns nicht auf gemeinsame Klimaschutzmaßnahmen einigen können.
Was antworten Sie den Leuten, die argumentieren, dass es klimatische Veränderungen ja immer schon gegeben hat?
Diese Leute haben recht, nur war das zu Zeiten, als es auf der ganzen Erde gerade einmal 20 Millionen Menschen gab. Für die wenigen Menschen war der Anpassungsdruck an die Klimaveränderung relativ betrachtet weniger groß. Weil es erstens langsamer ging, und zweitens hatten diese Menschen keine teuren und wertvollen Infrastrukturen in Küstennähe. Wir haben uns für das jetzige Klima quasi optimal positioniert. Wenn es sich gravierend verändert, bekommen wir ein enormes ökonomisches Problem, das unsere Vorgänger nicht hatten, weil sie nichts hatten.
Regelt sich zum Schluss nicht doch alles wieder von selbst?
Das tut es mit Sicherheit, und die Menschheit stirbt auch nicht aus. Der Prozess ist nur zutiefst unangenehm, weil für viele Erdenbewohner existenzbedrohend. Er zerstört sehr viel Wert, und wir müssen dann alle in einer sehr viel unangenehmeren Welt leben.
Fühlen Sie sich in Ihren Mahnungen gehört?
Ich fühle mich nicht primär als Mahner, sondern als Mathematiker und Analytiker, der wie viele andere versucht, die Lage zu verstehen, und Sie können sicher sein, dass die meisten führenden Politiker das ebenfalls verstehen.
Fehlt noch das Handeln?
Diese Formulierung trifft den Punkt nicht. Wir haben eine Situation höchst komplexer Interessengegensätze, und die Schwierigkeit ist, wie wir einen Konsens finden. Darin liegt die eigentliche Herausforderung.
Prof. Dr. Franz Josef Radermacher
Geboren: 20. März 1950 in Aachen Tätigkeiten: Professor für Informatik an der Universität Ulm und Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung. Bekannt geworden ist er u. a. durch sein Eintreten für eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft und durch sein Engagement in der Global Marshall Plan Initiative, die sich seit 2003 für eine gerechtere Globalisierung, für eine „Welt in Balance“, einsetzt.
Auszeichnungen: 1997 Wissenschaftlicher Preis der Gesellschaft für Mathematik, Ökonomie und Operations Research; 2005 Verleihung des Salzburger Landespreises für Zukunftsforschung der Robert-Jungk-Bibliothek. 2007 wurde ihm der Vision Award verliehen. Ebenfalls 2007 erhielt er den von der Stiftung Ökologie & Landbau verliehenen Karl-Werner-Kieffer-Preis für seine Verdienste um die Global Marshall Plan Initiative.