Dichte im Park

Von VN/Florian Aicher
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Der zentrale steinerne Platz. Der zentrale steinerne Platz. - © Darko Todorovic

Bregenz - Die alte Bundesstraße aus Bregenz ins südliche Oberland, die hier fast die Hangkante der letzten Terrasse über der Rheinebene erreicht, führte vor kaum 50 Jahren durch Bauernland – lediglich einige villenartigen Bauten erinnerten an die wenige Gehminuten entfernte Stadt. Welch ein Wandel seither!

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Die Stadt hat sich Stück um Stück diesen Straßenzug erobert und es war nur eine Frage der Zeit, wann das Grundstück mit den beiden Häusern inmitten des alten Baumbestandes an die Reihe kam. Doch bei allem Wandel – die landschaftliche Lage bewirkt, dass die Schnittstelle von Stadt und Land spürbar bleibt. Das ist auch der neuen Wohnanlage anzusehen. Städtische Dichte trifft Naturbezug und Ruhe – eine Begegnung, die von den Architekten Dorner\Matt sorgfältig inszeniert wurde. Nicht eins gegen das andere ausspielen, sondern gegenseitig stärken. Und das beginnt mit der Wertschätzung des Bestandes – besondere Lage und beeindruckender Baumbestand.

Mit diesem und um diesen herum – so wurde ein Wohnquartier entwickelt, das mit 74 Wohnungen deutlich an Dichte gewonnen hat, vier entschiedene Baukörper um einen zentralen Platz versetzt anordnet und so städtischen Charakter betont – und dennoch durchlässig und offen zum Naturraum bleibt. Doch nicht nur ihrem Volumen nach lassen die Bauten Ländliches hinter sich, in ihrer Erscheinung spielen sie mit etwas rein Städtischem: Industriearchitektur. An deren großzügige Proportion bei Tragwerk und Füllflächen erinnern die ziegelroten Pilaster und Lisenen, die blanke, rhythmisch perforierte Metallflächen einrahmen. Proportion und Material, bodenständige Farbe und flirrendem Glanz genügen, um das Thema zu variieren: „klassisch“ die Ansicht der zwei fünfgeschoßigen Bauten zur Straße, horizontale Bänder bei den beiden rückwärtigen dreigeschoßigen.

Dieses aus urbaner Architektur geläufige Strukturieren großer Massen erfordert gesteigerte Anstrengung. Immer wieder kommt der Architekt auf das Engagement des Bauherrn, der Alpenländischen Heimstätte, Feldkirch zu sprechen. Mit diesem gelang es, großzügigen Maßstab mittels kleinteiliger Lochfassade zu verbinden – Schiebeläden im Wechsel mit feststehenden Paneelen, hinterlüftet zwischen verputzten Bändern, dem Brandschutz geschuldet. Große Fenster mit nur kniehoher Brüstung, ein Format, regelmäßig, zurückhaltend gesetzt.
Großzügig und sparsam zugleich. Das setzt sich innen fort: Alle Wohnungen verfügen über Loggien, grundsätzlich an der Gebäudeecke gelegen, offen in zwei Himmelsrichtungen, zum Wohnraum mit Küche raumhoch verglast – ein zusätzliches „Zimmer“, hell, luftig, und dennoch privat und geborgen dank der Schiebeläden. Alle Aufenthaltsräume haben die großen Fenster, Bäder liegen innen, der Eingangsflur ist über die Norm breit, ein bescheidenes Vestibül urbanen Wohnens. Auch der zentrale Treppenhauskern: Großzügig in seinen Abmessungen, natürliches Licht vom Dach, sorgfältig gestaltet bis hin zur Farbgebung durch Monika Heiss – in jedem Haus eine Wand in eigenem Rot bis
unters Dach, doch auch die restlichen Wände abgestimmt auf das Grau der Zementböden, wohlüberlegt und nobel.

Qualität dank gestalterischer Sorgfalt, erreicht mit sparsamen Mitteln. Und umgekehrt: Sparsame, rationale Konstruktion, die Mittel für den Nutzer freisetzt. Kerne, Decken und Stützen sind betoniert. Die Fassade besteht aus haushohen, gedämmten und geschlossenen Holzfertigelementen, in der Werkstatt im Bregenzerwald gefertigt. Geliefert und montiert wurde die Fassade für alle Häuser innert vier Wochen, anschließend die Wetterhaut aufgebracht und der Innenausbau in Leichtbau komplettiert. Technische Innovation, den Nutzern zum Vorteil.

„Keiner will hier mehr weg, so sehr sind alle von dieser Wohnqualität überzeugt“, berichtet Wolfgang Marte, Hausvertrauensperson. Doch nicht nur in den eigenen vier Wänden – ein Fahrradraum, ein Kinderwagenraum je Haus, ein Raum fürs Feiern, der verkehrsfreie Platz in der Mitte (dank Tiefgarage unter den vier Bauten) und die
Kinderspielplätze rund um die Häuser tragen ihren Teil dazu bei. Und der Hof, Platz für Sommerfeste, Begegnung, Sport – wenn nötig, arrangiert man sich, etwa beim lauten Skaten, das ab 16 Uhr tabu ist. Gemeinschaft, die funktioniert. Der Gemeinschaftsraum wird gelegentlich zum Brotbacken mit orientalischen Rezepturen genutzt – würde man ohne solche Gelegenheiten überhaupt merken, dass hier Menschen verschiedenster Nationen und aller Altersgruppen zusammen leben? Die oft üblichen Zeichen‚ integrativen Wohnens sucht man jedenfalls vergeblich.

„Das eigene Haus – das geht bestimmt nicht immer“, so Christian Matt. „Eine Wohnanlage ist eine andere Herausforderung. Da muss ich Unterschiede berücksichtigen, mich arrangieren. Da ist Sorgfalt im Kleinen gefragt, da gilt es, Gegensätzliches zu überspielen, gerade da wird Gestaltung besonders wichtig.“

Daten und Fakten

Objekt: Wohnanlage in Passivhausstandard „Wohnen im Park“ Arlbergstraße, Bregenz
Bauherr: Alpenländische Heimstätte Feldkirch, www.a-h.at
Architekten: Dorner\Matt Architekten Thalbachgasse 2a, Bregenz, www.dorner-matt.at
Projektleitung: Andrea & Bernd Niehoff
Statik: Mader & Flatz Ziviltechniker, Bregenz, office@mader-flatz.at
Örtliche Bauaufsicht:  Rhomberg Bau, Bregenz, www.rhombergbau.at
Grünraumplanung: KoseLicka Landschaftsarchitektur, Wien, www.koselicka.at
Objektdaten: Grundstücksfläche 7052 m², Bruttogeschoßfl äche 6343 m², Nutzfläche 5099 m²
Weitere Fachplaner Sonderberater: 

Energietechnik-Planung und Simulation: E-Plus, Egg, www.e-plus.at

DI Bernhard Weithas, Hard, www.weithas.com

Kurt Düngler Elektroplanung, Gaißau, elp@kurt-duengler.at

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