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Der Sohn des Löwen

Louay floh 2014 aus Syrien. Mittlerweile bereitet er sich auf ein Studium vor.

Irgendwie unwirklich. Ein junger Mann sitzt in Wolfurt im Park. Es ist Herbst. Kinder tollen auf dem Spielplatz, Vögel zwitschern, nur das Rauschen der Autos von der Hauptstraße durchschneidet die idyllische Lärmkulisse. Und da der junge Mann. Rote Puma-Jacke, lockige dunkle Haare, ein Lächeln. Er mag Fußball, Billard und Gitarre, spricht über seine Eltern und seine fünf Geschwister, spielt gerne Playstation und lernt gerne Mathematik. Besser gesagt: Lernte. Damals, in Damaskus, als das Leben noch in Ordnung war. Vor dem 17. März 2011, der alles veränderte. Das Lächeln ist aus dem Gesicht von Louay Al Din Abu Nasser verschwunden: „It was a nice life. Without the war.“ Es war ein schönes Leben. Ohne Krieg. Das ist die Geschichte von Louay Al Din Abu Nasser aus Syrien, einem jungen Mann aus dem kleinen Dorf Sbeneh bei Damaskus, der sein ganzes Leben aufgegeben hat und mit nichts außer einem Rucksack eine beschwerliche Reise auf sich nahm. Per Flugzeug, per Bus, per Boot, per Auto, zu Fuß – auf nach Europa, in Sicherheit. Das ist die Geschichte eines jungen Mannes, der in Vorarlberg ein neues Leben begonnen hat und sich nun in Wien auf das Studium vorbereitet. Louay kommt am 8. April 1995 zur Welt und wächst in einer Lehrerfamilie auf. Sein Vater stammt aus Palästina, schon er musste fliehen. Die Abu Nassers sind eine religiöse Familie. Sie beten täglich. Allah leite ihren Weg, erklärt Louay.

Zwei Versuche
2013 erreicht der Bürgerkrieg Sbeneh. Die Familie packt das Nötigste und flieht aus der Stadt. Was aus ihrer Wohnung geworden ist, weiß Louay nicht: „Wir haben sie einfach verlassen.“ Die Familie kommt im Nachbarort unter. Am 15. April, wenige Tage nach seinem 19. Geburtstag, startet er seinen ersten Fluchtversuch. Wie viele seiner Landsleute möchte Louay in den Libanon. Doch die Polizei lässt ihn nicht rein: „Wir brauchen keine Palästinenser im Libanon.“ Am 22. April 2014 versucht er es erneut, dieses Mal über illegale Wege, wie er selbst sagt. An diesem Tag ist ihm bewusst, dass er seine Heimat für eine lange Zeit verlassen muss. Die Flucht beginnt am Flughafen in Damaskus. Eineinhalb Stunden dauert der Flug nach Al-Kamishli, am nächsten Morgen bringt ihn jemand an die türkische Grenze nach Nusaybin. 60 türkische Lira, umgerechnet rund 18 Euro, zahlt Louay für die Weiterfahrt mit dem Linienbus nach Istanbul. 22 Stunden ist er unterwegs. In Istanbul trifft er seinen Cousin und zwei Freunde. Alle arbeiteten; den ganzen Tag, machen keine Pause, wohnen in einem kleinen Raum. Nach fünf Monaten kann Louay nicht mehr, er reist weiter. Im September 2014 macht er sich auf den Weg nach Izmir und nach Europa. Mit dem Schlauchboot über die Ägais, zu Fuß über die Balkanroute, mit Zwischenstopps in Lagern und einem Gefängnis, bis zum Wiener Westbahnhof.

Zum Stehen verdammt
In Ungarn wird er festgenommen. Er verbringt zwei Tage in einer fünf mal sechs Meter großen Zelle. 50 Personen, zusammengepfercht, ohne Essen und Trinken. „Du kannst nicht sitzen, nur stehen“, erzählt Louay. Dies sei der härteste Moment seiner Flucht. Dies und der Fußmarsch durch Mazedonien. „Ich habe mir gesagt: Ich muss ankommen. Ich schaff es. Ich will nicht mehr zurück.“ Am 10. November 2014 um halb neun in der Früh erreicht Louay Wien. „Es war fantastisch“, erinnert er sich. Als er aus dem Zug aussteigt, spaziert er zwei Stunden durch die Stadt. Er atmet die Luft der Freiheit, die Luft des neuen Lebens. Nach einiger Zeit trifft Louay auf einen Ägypter und einen Syrer. Sie sagen, er soll nach Traiskirchen. Louay schnappt sich ein Taxi und fährt hin. Dort bittet er Österreich um Asyl. Dann heißt es: warten, warten, warten. Es dauert drei Monate, bis er am 28. Jänner 2015 den Bus nach Gaisbühel betritt. Um 9 Uhr beginnt die Fahrt, um Mitternacht kommt Louay an. Er ist nicht mehr alleine, sein Bruder ist in Erdberg zugestiegen. In Gaisbühel werden sie von der Caritas empfangen. „Alle waren sehr freundlich und wollten uns helfen.“ Mit der Ankunft in Gaisbühel sei er in Europa angekommen. Louay ist zwei Monate und zehn Tage im Land, als er den positiven Bescheid bekommt. Vom BFA (Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl) berichtet er ausnahmslos Gutes: „Die Frau war sehr freundlich. Ich möchte ihr auf diesem Weg danken.“ Er wiederholt kurz seine Fluchtgeschichte, seine Aussagen werden mit jenen aus Traiskirchen abgeglichen. „Ich habe den Bescheid direkt danach bekommen. In die Hand, nicht per Post. Direkt!“, jubelt Louay, als er davon erzählt. Ein breites Grinsen zieht sich über sein Gesicht. Er darf bleiben. Der Rest seiner Familie ist jedoch immer noch in Syrien, sein Vater in der Türkei. „Wir haben fast drei Monate daran gearbeitet“, berichtet Louay. Schließlich, am 5. August 2015, sind die Abu Nassers vereint. Sie wohnen in Wolfurt, in einer Wohnung der Caritas. Das Leben in Vorarlberg kann beginnen.

Nun an der Uni
Louay muss keine Integrationsvereinbarung unterschreiben, Deutschkurse besucht er dennoch fleißig. Denn sein Ziel: Louay Al Din Abu Nasser will studieren. Ende Dezember 2015 wohnt die achtköpfige Familie in Bregenz auf 71 Quadratmetern in vier Zimmern. Drei Mal in der Woche geht er in die Schule. Dort lernt er Englisch, Deutsch und Fächer wie „Gesundheit und Soziales“. Er blättert durch das Heft. Wie sieht der Körper aus? Was bedeutet Familie? Wie funktioniert das Zusammenleben? Im Sommer 2017 möchte er den nächsten Schritt gehen. Und der Plan geht auf. Mittlerweile ist er 22 Jahre alt und spricht gut Deutsch. Im Juli 2017 zieht Louay nach Wien und beginnt den Vorstudienlehrgang. Im Herbst 2018 möchte er an der TU „Software und Informatik Engineering“ studieren. Louay Al Din Abu Nassers Leben hat sich in wenigen Monaten rasant verändert. Im April 2014 verabschiedet er sich von seiner Familie in Syrien. Jetzt ist er da. „This is our new live. We can start now!“ Hier in Österreich, in Wien, in Vorarlberg, seinem neuen Zuhause.

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