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Der Eisfall

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Letzten Sonntag bin ich wieder geflogen. Flash. Mein letzter Flug liegt 28 Jahre zurück. Damals stand ich auf der Rosenstraße und machte Flugbewegungen, die mich nach wenigen Sekunden vom Boden abheben ließen. Kurze Zeit später schwebte ich über dem Marktplatz und sah auf die Dächer Dornbirns. Ich zog eine große Schleife zum Bodensee. Was weiter geschah, kann in „Flugberichte -Ulrico Angelo Gabrielo“ nachgelesen werden. Der Flug war ergiebig. Erstmals erklang meine Alpenpassacaglia, gesungen vom splitternackten Alberschwender Männerchor. Schubert sangen sie: „Wie schön bist du, freundliche Stille himmlische Ruh“. Mein Zebedäus trug die Kressbronner Fröschungsreime (an die liebende Prinzessin des Königs gerichtet) vor. Vor Lindau malte ich die Buchstaben von I LOVE YOU auf weiße Leintücher. Diese herrlichen Bilder gingen bereits in die Kunstgeschichte ein und wurden mir von namhaften Sammlern aus den Händen gerissen. In Bälde wird eines dieser prachtvollen Bilder im Louvre hängen. Es wird die Pariser mehr kosten als Neymar. Die Tate Gallery bemüht sich seit längerem um das E. Meine Unglaublichkeit ging auf die Gestalt des Barons von Zanzenberg über, der meinen wehenden Geist weit über dieses Jahrhundert führen wird.

Heute, viele Jahre später, habe ich vorübergehend den runzeligen Körper der hier verbreiteten alten Männer angenommen: knorriges Gebein, Goderl, Falten, weißer Wackelpuddingbauch. Ich erfreue mich jetzt an allem zu Ende gehenden, versteinernden, am Eiskalten ebenso wie an den starren Gestalten, die als Gespenster der Vergangenheit auftauchen, keinen Willen mehr haben außer den, endlos zu quaken und ein Schwein in der Tiefkühltruhe zu einzufrieren. Flash.

Ich ging ganz in Gedanken hin. Abseits des Waldweges finde ich mich unvermutet vor blinkendem Weiß, einem erstarrten weißen Riesen. Ein mächtiger Eisfall, wie er nur bei anhaltenden Minusgraden an den Felswänden zwischen Dornbirn und Hohenems auftaucht. Seine von oben bis weit nach unten hängenden weißen Zapfen und kristallenen Fäden erzwingen Respekt. Beim Zeus! Ich ziehe mein Handy und drücke ab. Ist‘s was geworden? Da rutsch ich aus, verliere mein Gleichgewicht, stürze. Ein langer unlenkbarer alter Leib fliegt über Wurzelknorpel und Geäst, fällt zu Boden und bleibt auf Gesteinstrümmern liegen. Schreien und Stöhnen höre ich aus mir. Brille weg, Handy weg. Geschunden, geprellt, gestaucht. Ich? ICH? Ausgerechnet jetzt taut der Eisriese auch noch auf und schmeißt mit kleinen Eisbrocken. Er spuckt auf mich! Rasch weg. Rasch geht gar nicht. Ich sehe zur Seite. Da sieht mich ein schneeweißer Husky an. Lange. Ausgiebig. Dann verschwindet er lautlos im Wald. Kein Mensch nirgends. Was das war? Wie das alles zusammenhängt? Sturz des Phaeton? Keine Ahnung.

Ulrich Gabriel
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