Beach Boy-Mastermind in der Wiener Stadthalle: Verneigung vor Brian Wilson

Brian Wilson gab ein Konzert in der Wiener Stadthalle.
Brian Wilson gab ein Konzert in der Wiener Stadthalle. - © APA
Beach Boy-Mastermind Brian Wilson sorgte mit seinen 75 Jahren am Donnerstag für Begeisterungsstürme in der Wiener Stadthalle. Als er mit 24 Jahren “Pet Sounds” fertigstellte, war er sich sicher, die beste Platte seines Lebens produziert zu haben. Der darauffolgende Fall war tief – die Erleichterung und Euphorie, den Ausnahmekünstler 50 Jahre später auf Tournee zu erleben, ist dementsprechend groß.

Wobei der Jubel noch lauter hätte sein können, wären nicht derart viele Sitzreihen leer geblieben. Das mag an den Ticketpreisen zwischen 90 und 150 Euro gelegen haben. Oder auch an der “Konkurrenzveranstaltung” der Beach Boys um Mike Love vor gut einem Monat ebenda. Den Bandnamen, der wie kein anderer für kalifornischen Surfsound steht, hat Wilson bei seiner Tour anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums von “Pet Sounds” nicht im Titel, dabei kommt er der Originalbesetzung näher als sein Cousin Love: Mit Al Jardine ist das einzig weitere überlebende Gründungsmitglied dabei; mit dessen Sohn Matthew Jardine und dem exaltierten Südafrikaner Blondie Chaplin stehen zwei langjährige Tourneepartner der Beach Boys auf der Bühne.

Die Magie des Beach Boys-Masterminds

Links und rechts flankiert von den Jardines und acht weiteren Musikern um sie herum, nimmt Wilson unter minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen hinter einem weißen Klavierflügel in der Mitte der Bühne Platz. Die folgenden zweieinhalb Stunden wird er recht starr nach vorne ins Publikum blicken, fast den Anschein machen, als wüsste er nicht so genau, was er hier eigentlich macht. Seine Wortmeldungen beschränken sich auf Titel und Entstehungsdatum der Songs sowie herzliche Dankeschöns. Die psychischen Probleme, die ihn sein Leben lang begleitet haben, die Drogen, Konflikte mit seinem tyrannischen Vater und seinen Bandmitgliedern haben ihre Spuren hinterlassen, Rückenprobleme ihn physisch eingeschränkt.

Und dennoch versprüht dieser Mann von Anfang an eine ganz eigene Magie und tut das, was er schon in den 60er- und 70er-Jahren gemacht hat, als seine eigene Stimme noch kräftiger war als heute: Er lässt seine Mitmusiker glänzen, rückt sie je nach Stimmlage und Talent zum geeigneten Moment in den Mittelpunkt. Mit dem Charme versprühenden Al Jardine teilt er sich oft den Gesang, während die schwierigen Parts vorrangig Matthew Jardine übernimmt: Mit klarem Falsett-Gesang und viel Gefühl klingen Songs wie “Don’t Worry Baby” schlicht umwerfend. Darian Sahanaja, Keyboarder und musikalischer Leiter der Band sowie Jüngster der Truppe, macht sich indes “Darlin'” kraftvoll zu eigen.

Brian Wilson live in der Wiener Stadthalle

Songs aus den frühen Beach-Boys-Tagen zwischen 1963 und 1965, als Wilson neun Alben und unzählige Singles produzierte, markieren den Auftakt, der noch etwas statisch wirkt. Mit Hits wie “California Girls” über “Let’s Go Surfing Now” bis “You’re So Good To Me” kann man aber ohnehin nichts falsch machen, es wird geschunkelt und gejubelt. Wilsons erster, mit 19 geschriebener Song erklingt – “Surfer Girl” -, sinnbildend für Songs über Sonne, Strand, Meer und Frauen, denen aber stets eine gewisse Traurigkeit anhaftet.

Das trifft umso mehr auf “Pet Sounds” zu, ein Werk, das als eines der besten Popalben aller Zeiten gilt, laut Beatles-Produzent George Martin den Weg zu “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” überhaupt erst geebnet hat. In Abwesenheit seiner Bandkollegen hatte sich Wilson damals mit einer Studioband auf eine musikalische Reise durch seine Fantasie begeben, brachte bis dahin in der Popmusik nie verwendete Instrumente und Klangkörper zum Einsatz, schuf prächtige Melodien und melancholische Texte, die vom Gefühl des Entrücktseins auf dieser Welt erzählt – einer Welt, “die einem emotional zusetzen kann”, schreibt Wilson in seiner Autobiografie.

Begeisterte Konzertbesucher strömen zur Bühne

Wie diese Songs 51 Jahre später live noch ihren Nachhall finden und die Männer auf der Bühne im stilprägenden Mehrstimmengesang harmonieren, zum Kanon von Wilsons vielleicht bestem Song “God Only Knows” einzeln von Scheinwerfern erleuchtet werden, ist schlicht ein Ereignis. Schon die ersten Klänge von Klassikern wie “Wouldn’t It Be Nice”, “Sloop John B” oder “Caroline No” verzücken; die musikalische Bandbreite wird ersichtlich, wenn die nuancierten Musiker mühelos zwischen Instrumenten wechseln – von Theremin und Waldhorn über Flöten, Tamburin, Saxofon und Mundharmonika bis Trommeln. Wilson singt in diesem Teil des Abends mehr, schafft durch andere Betonung für sich neue Versionen seiner Jugendhits und mutet kurz wieder wie ein verlorener Mittzwanziger an, wenn er singt: “I’m a little bit scared / Cause I haven’t been home in a long time”.

Dass Wilson nicht mehr gut bei Stimme ist, stört an diesem Abend niemand. Die Songs sind ohnehin in ihrer Perfektion ins Gedächtnis gebrannt, man freut sich schlicht, dabei zu sein, wenn “Pet Sounds” vermutlich zum letzten Mal zur Gänze durch ihn live zur Aufführung kommt. Am Ende wird das bis dahin eher gesetzte Konzert doch noch zur Party, strömen die Menschen zu den großen Hits “Good Vibrations”, “Help Me Rhonda”, “Barbara Ann”, “Surfin’ USA” und “Fun Fun Fun” vor die Bühne. Als Rausschmeißer fungiert “Love and Mercy”, der einzige Song aus dem Soloschaffen Wilsons an diesem Abend, und schickt des Musikers Botschaft nach mehr Liebe und Nachsicht mit in die stürmische Nacht. Ein stimmiger Abschluss für einen rührenden Abend.

(APA/Red)

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