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Assad auf der Flucht? Blutige Kämpfe und Chaos nach Attentat

Aktivisten meldeten Gefechte in mehreren Stadtteilen von Damaskus, vor allem im Süden der Stadt. Aktivisten meldeten Gefechte in mehreren Stadtteilen von Damaskus, vor allem im Süden der Stadt. - © EPA/SANA
Der blutige Anschlag auf den engsten Machtzirkel von Machthaber Bashar al-Assad scheint Syrien endgültig ins Chaos gestürzt zu haben. Der Präsident soll die Flucht ergriffen haben, gerade in Damaskus seien die Kämpfe eskaliert – die Regimegegner zählten in Syrien bis zum Abend 77 Tote.

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Am selben Tag, an dem Assads Schwager sowie der Verteidigungsminister des Landes, Daoud Rajha, bei einem Bombenattentat ums Leben gekommen sind, soll Assad selbst die Flucht ergriffen haben. Syrische Aktivisten verbreiteten am Mittwochabend in einem internen Forum, die Präsidentenmaschine sei vom Flughafen Messe in Damaskus gestartet und beriefen sich dabei auf Offiziere auf dem Militärflughafen. Eine Bestätigung von unabhängiger Seite gab es dafür nicht. Unter den Oppositionellen machte sich die Angst breit, das Regime können in den Protesthochburgen in Damaskus Giftgas einsetzen. In den Zirkeln der Regimegegner wurde darüber diskutiert, ob man nicht mit Holzkohle und Plastiksackerln Schutzmasken herstellen könnte.

Anschlag auf Assads Führungsriege: Schwager und Minister getötet

Regimegegner haben bei einem Bombenattentat in Damaskus den Schwager des Präsidenten, Asef Schawkat, Verteidigungsminister Daoud Rajha sowie dessen Amtsvorgänger Hassan Turkmani getötet. Das bestätigte das Regime in der immer heftiger umkämpften Hauptstadt. Angesichts der Ereignisse geriet das Gezerre um eine UN-Resolution zum Nebenschauplatz.

Schawkat war zuletzt stellvertretender Kommandant der Streitkräfte. Auch Innenminister Mohammed Ibrahim al-Shaar soll den Angaben zufolge schwer verletzt sein. Hisham Ikhtiar, dem Chef der Nationalen Sicherheit, habe die Explosion beide Beine abgerissen. In der Nationalen Sicherheitsbehörde fand gerade ein hochrangig besetztes Treffen des Krisenstabs statt, als die Bombe hochging. Die Detonation war auch am Präsidentenpalast zu hören.

Der Kommandant der Freien Syrischen Armee berichtete am Telefon, der Sprengsatz sei in dem Gebäude versteckt gewesen. Regimegegner sprachen von einer Autobombe. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete, der Anschlag wurde von einem Leibwächter verübt, der einem der Teilnehmer eines Krisentreffens im Gebäude der Nationalen Sicherheit zugeordnet war und im Versammlungssaal einen Sprengstoffgürtel zündete. Nach nicht offiziell bestätigten Informationen des Senders Al-Arabiya soll auch der Chef der Ermittlungsabteilung im Allgemeinen Geheimdienst, Hafis Machluf, getötet worden sein.

Nur wenige Stunden nach dem Tod von Daoud Rajha meldeten staatliche Medien, dass General Fahad Jassim al-Freij zum neuen Verteidigungsminister ernannt worden sei. Die regierungsamtliche Zeitung “Al-Thawra” verbreitete Durchhalteparolen: “Damaskus ist schwer in die Knie zu zwingen, selbst wenn sich die ganze Welt gegen diese Stadt verbünden sollte.”

Panetta: “Eskalation der Kämpfe”

In Damaskus wurde die Lage nach dem Bombenanschlag immer unübersichtlicher. Aktivisten meldeten Gefechte in mehreren Stadtteilen, vor allem im Süden der Stadt. In dem Viertel Hajar al-Aswad hätten Rebellen versucht, einen Stützpunkt der Streitkräfte zu stürmen. Anrainer berichteten, zahlreiche Familien seien aus Angst vor Militäroperationen oder Milizenterror aus den Vierteln Qaboun und Midan geflohen. Nach der Einschätzung von Pentagon-Chef Leon Panetta geriet die Lage zunehmend “außer Kontrolle”. Er sprach von einer “wirklichen Eskalation der Kämpfe”.

Ungeachtet der schweren Kämpfe und Anschläge in der syrischen Hauptstadt bleibt die österreichische Botschaft in Damaskus geöffnet. Die Botschaft sei von den Ereignissen nicht betroffen, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Nikolaus Lutterotti, am Mittwochabend auf Anfrage der APA. Das Außenamt sei mit der Botschaft in Kontakt und evaluiere laufend die Sicherheitslage. “Solange es die Sicherheitslage erlaubt, bleibt die Botschaft geöffnet”, sagte er.

Abstimmung über neue UN-Resolution auf Donnerstag verschoben

Die mit Spannung erwartete Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über eine Resolution zu weiteren Sanktionen gegen die Führung in Damaskus wurde am Mittwoch auf Donnerstag verschoben. Sondervermittler Kofi Annan habe die Ratsmitglieder darum gebeten, teilte die britische UN-Mission mit. Der chinesische UN-Botschafter Li Baodong erklärte, die Verhandlungen zwischen den Botschaftern der UN-Mitgliedsstaaten würden am Mittwoch mit dem Ziel fortgesetzt, zu einem “Konsens” zu kommen. Nach Angaben westlicher Diplomaten sieht Annan noch die Möglichkeit eines Kompromisses mit Russland zu dem von Großbritannien, Frankreich, den USA, Deutschland und Portugal eingebrachten Resolutionsentwurf.

Vetomacht Russland hatte schon vorher eine “harte Linie” – sprich: Blockade – angekündigt. “In einem Moment, wo eine Schlacht um die syrische Hauptstadt tobt, wäre die Annahme von Sanktionen eine einseitige Unterstützung von Revolutionären”, unterstrich der russische Außenminister Sergej Lawrow am Mittwoch ein weiteres Mal. Die westliche Syrien-Politik kritisierte er als “Sackgasse”.

China steht in der Syrienfrage traditionell an der Seite Russlands. In Peking hatte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon noch in letzter Minute um Unterstützung geworben. Was bei dem Treffen mit Staats- und Parteichef Hu Jintao herauskam, berichteten die Staatsmedien nicht.

Die USA weiteten unterdessen ihre Sanktionen gegen Syrien im Alleingang aus. Nach Angaben des Finanzministeriums in Washington betreffen die Strafmaßnahmen hochrangige Regierungsbeamte und sechs Firmen. US-Bürgern ist demnach künftig untersagt, mit ihnen Geschäfte zu betreiben, und etwaige Vermögen in den USA werden eingefroren.

“Sache jetzt selbst in die Hand genommen”

In Syrien zählten die Regimegegner bis zum Abend 77 Tote. Ein Mitglied des Führungskaders der oppositionellen Muslimbruderschaft sagte der dpa, die Menschen setzten keine Hoffnung mehr in die internationale Gemeinschaft: “Sie haben die Sache jetzt selbst in die Hand genommen.”

(APA; Red.)

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