„Armut wird oft weiter vererbt“

Von Martin Begle / WANN & WO
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Rund 20 Prozent der Kinder und Jugendliche unter 19 Jahre sind armutsgefährdet
Rund 20 Prozent der Kinder und Jugendliche unter 19 Jahre sind armutsgefährdet - © Bilderbox
„Jung, pleite, abgestempelt“: Amanda Ruf vom GF Verein Amazone sprach mit Wann & Wo über das Thema Jugendarmut.

Wann kann man sagen, ein junger Mensch ist arm?

Amanda Ruf: Armut existiert auch bei uns, in einem der reichsten Länder der Welt. In Vorarlberg sind laut Zahlen der Volkshilfe von 2015 rund 20 Prozent (20.000) der Kinder und Jugendlichen bis zu 19 Jahren von Armut bedroht. Nach Wien liegt Vorarlberg gemeinsam mit dem Burgenland auf Platz zwei. Die offizielle Grenze ist willkürlich gesetzt und deshalb problematisch, weil sie lediglich die Einkommensseite fokussiert. Die Lebensrealitäten werden nicht erfasst. Zudem wird das Zusammenwirken komplexer struktureller Armutsbedingungen außer Acht gelassen, die sich vor allem auf Mädchen und junge Frauen negativ auswirken. Sozialisationsbedingt sind diese nach wie vor überwiegend in prekären und schlecht bezahlten, typisch weiblichen Beschäftigungsverhältnissen. Alleinerziehende und teilzeitarbeitende Mütter tragen daher ein ungleich höheres Armutsrisiko, das sich oft auf die Generation ihrer Töchter und deren Kinder vererbt.

Wie äußert sich Jugendarmut in der Gesellschaft?

Amanda Ruf: Von Armut betroffene Jugendliche werden in einer wichtigen Phase ihrer Entwicklung gesellschaftlich ausgegrenzt. Viele erfahren Mehrfachbenachteiligungen, bei Gesundheit, Freizeit, Arbeit und Ausbildung. Finanzielle Not schränkt die Möglichkeit Freundschaften zu knüpfen, lehrreiche Erfahrungen für die eigene Zukunft zu sammeln oder unterschiedliche Lebensweisen kennen zu lernen ein. Auf sich und das eigene Wohlergehen zu achten, im neugierigen Tun eigene Möglichkeiten auszuloten, über andere Wege nachzudenken und mehr fällt schwer. Das kann heißen, dass sie keine Freunde einladen können, nicht in Urlaub fahren, Ausreden finden müssen, wenn sie Geburtstagsfeiern mit Geschenken besuchen sollten, Sportequipment nicht finanzierbar ist, Lern- und Rückzugräume zuhause beschränkt sind, usw.

Warum macht der Verein Amazone das zum Kernthema der gender:impulstage?

Amanda Ruf: Der Verein Amazone möchte das Thema Jugend, Armut und Geschlecht von allen Seiten beleuchten. Nach öffentlicher Meinung scheinen es vor allem männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund aus sogenannten bildungsfernen Familien schwer zu haben. De facto besuchen sie auch überproportional oft die Sonderschule und kommen als Erwachsene oft nicht über einen Hilfsarbeiterstatus hinaus. Bessere Schulabschlüsse wirken sich aber nicht positiv auf dem Arbeitsmarkt für Mädchen und Frauen aus. Nach wie vor sind ihre Zugänge zum Arbeitsmarkt erschwert. In der Debatte um Armut werden genau diese strukturellen Hürden unzureichend thematisiert. So verschwinden Mädchen mit ihren Lebenslagen aus der öffentlichen Wahrnehmung. Das führt dazu, dass sie die Folgen ihrer Armut als persönliches Versagen wahrnehmen.

Was wäre zu tun?

Amanda Ruf: Der politische Wille ist entscheidend. Wenn wir Armut bekämpfen wollen, müssen wir Bedingungen schaffen, die Mädchen, Frauen, Jungen und Männer von hier und von überall sonst gleichermaßen eigenständig für ihr Leben sorgen lassen. Das bedeutet eine gerechte Verteilung von Einkommen, Arbeit, Gütern und gesellschaftlichem Einfluss. Im Verein Amazone wird konkret an Handlungsstrategien gearbeitet. Neben dem „kost NIX shop“ gibt’s „do it yourself“-Workshops und die „Repairwerkstatt“, wo mit wenig Geld coole Dinge entstehen. Zudem beleuchtet die Mädchenberatung alle Fragen, die Mädchen in ihrem Aufwachsen betreffen, immer öfter auch Fragen zum Thema Armut.

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