Alexijewitsch zeigte sich bei Literaturfestival kämpferisch

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"Wir müssen uns zur Wehr setzen", sagte Alexijewitsch
"Wir müssen uns zur Wehr setzen", sagte Alexijewitsch - © APA
“Wir müssen uns zur Wehr setzen”: Auch am Samstag, dem zweiten Abend des Festivals “Literatur im Nebel” in Heidenreichstein, zeigte sich die weißrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch kämpferisch. War tags zuvor noch das Kriegsgeschehen vom Zweiten Weltkrieg bis Afghanistan im Fokus gestanden, ging es am Samstag um die Atomkatastrophe von Tschernobyl und um den Postsozialismus. 

Patriotismus, Opferbereitschaft und Heldentum seien drei zentrale Parameter in der Ideologie des UdSSR-Regimes gewesen, erläuterte die Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt in ihrem Vortrag und verwies auf den Umstand, dass der Super-GAU von Tschernobyl 1986 mit dem allmählichen Zerfall der Sowjetunion einherging. Alexijewitsch hat in ihrem 1997 erschienenen Buch “Tschernobyl” Gespräche mit Betroffenen und Hinterbliebenen festgehalten. Anne und David Bennent, Isolda Dychauk und Nikolaus Habjan lasen daraus Ausschnitte. 

Im Gespräch mit Bettina Hering äußerte sich Alexijewitsch u.a. zur Freiheit der Kunst: “Unfrei bin ich in allem, wenn ich etwas nicht verstehe.” Unverständnis bestehe zum Beispiel gegenüber der Tatsache, dass die Menschheit mit der Atomenergie eine Technologie geschaffen habe, die sie nicht mehr beherrschen könne. Bei einem Besuch in Fukushima vor einigen Monaten habe sie die gleiche Hilflosigkeit beobachtet wie seinerzeit in Tschernobyl, meinte die Schriftstellerin. 

Harte Worte fand Alexijewitsch auch für die postkommunistischen Verhältnisse angesichts des “Diktators” Lukaschenko in Weißrussland und des “Irren” Putin in Russland. Nach dem Ende des Kommunismus habe man gedacht, der Feind sei besiegt, habe sich aber plötzlich unter lauter “Ratten” und “Banditen” wiedergefunden, erklärte die Nobelpreisträgerin. Ob sie manchmal daran denke, ihre doch mühsame dokumentarische literarische Arbeit zu beenden und nur noch einfach Prosa zu schreiben, wollte Hering wissen. Die Antwort fiel deutlich aus: “Halten Sie mich für so schwach?”

Spürbar war die Betroffenheit über die Schilderungen der individuellen Schicksale von Tschernobyl-Opfern in Alexijewitschs Buch. Doch das Update zum Thema kam nicht von der Bühne der Margithalle, sondern von einem Flugblatt der Initiative Wiener Plattform Atomfrei, die sich gegen neu geplante Reaktoren in Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Slowenien wendet und die österreichische Regierung “zum unverzüglichen Handeln” auffordert. 

(APA)

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