Aktiv-Haus am Hang

Von Isabella Marboe
Architekt Juri Troy feilte lange am Baukörper dieses Hauses.
Architekt Juri Troy feilte lange am Baukörper dieses Hauses. - © Petra Rainer
Die Lage am Sulzberg war extrem steil, das Raumprogramm beachtlich: Ein Haus für eine Familie mit drei Ferienappartements und vier Parkplätzen. Maximal ortsbildverträglich brachte Architekt Juri Troy alle Funktionen in einem schindelverkleideten Baukörper mit einer raffiniert verzogenen, sechseckigen Geometrie und flachem Satteldach unter.

Mit viel Dämmung, Tageslicht und Photovoltaik Paneelen erzeugt das Haus mehr Energie, als es verbraucht Auf knapp über 1000 Meter Seehöhe liegt Sulzberg im Vorderen Bregenzerwald am höchsten Punkt des gleichnamigen Berges. Sein Plateau-artiger Bergrücken erstreckt sich von der Bregenzerach bis ins benachbarte Allgäu. Der nahe Bodensee sorgt für ein günstiges Westwindklima und auch im Winter für viele nebelfreie Tage, um das Rundumpanorama über den Bregenzerwald genießen zu können. Daher ist Sulzberg ganzjährig ein Magnet für Urlaubshungrige aus nah und fern.

Der Bauherr ist ein geborener Sulzberger und besitzt ein unregelmäßig geformtes Grundstück am Hang: Es liegt zwischen zwei Straßen am unteren Rand einer Streusiedlung. Die Höhendifferenz zwischen der oberen Zufahrt im Osten und der unteren im Westen beträgt sechs Meter, dafür liegt einem hier das ganze Tal zu Füßen, zieht eine Langlaufloipe vorbei und ist der kleine Skilift, an dem Kinder voll Stolz ihre ersten Bögen in den Schnee ziehen können, gleich schräg gegenüber. Die Frau des Bauherrn stammt aus aus Steibis im Allgäu und war dort in Gastgewerbe und Marketing tätig. „Ich habe meinen Mann im Allgäu kennengelernt, er wollte nicht weg von Sulzberg, da entschied ich mich zu kommen.“ Die beiden beschlossen, auf dem steilen Familiengrundstück am Hang zu bauen. Sie wünschten sich ein umweltfreundliches Aktiv-Haus – also ein Gebäude, das mehr Energie produziert, als es verbraucht – mit mehreren Wohneinheiten. Eine davon wollten sie selbst nutzen, die anderen drei sollten sich als Ferienappartements vermieten lassen. Wichtig waren dabei separate Zugänge und ein rundum hoher Wohnkomfort: Darunter verstanden die Bauherren auch einen Garagenplatz für jede Wohneinheit.

Architekt Juri Troy feilte lange am Baukörper dieses Hauses. Seine Formfindung gehorchte mehreren Parametern. Der Baukörper musste kompakt sein, um die Temperatur möglichst gut zu halten und sich der Struktur der Siedlung anzupassen. Außerdem sollten die Zugänge für Familie und Gäste klar getrennt und das Dach für Solarkollektoren optimal ausgerichtet und geneigt sein. „Wir wollten das Haus so in das Grundstück einpassen, dass auch noch genug Platz zur Nachverdichtung bleibt“, so Troy. Das Haus ist stark nach Norden gerückt, wo die Straße den Hang durchschneidet und zweimal zur Zufahrt abzweigt. Über einem unregelmäßig verzogenen, sechseckigen Grundriss mit zwei parallelen Wänden im Norden und Süden erhebt sich der raffiniert zugeschnittene Baukörper nun aus dem Hang. Er ist komplett mit unbehandelten Schindeln aus Fichtenholz verkleidet. Diese Fassade vergraut witterungsbedingt auf jeder Seite anders. Das wirkt organisch. Wird eine Schindel schadhaft, lässt sie sich einfach austauschen. In diese schöne, schuppige Haut sind die Fensterbänder, Loggien und die Eingangs- nische eingeschnitten.

An der oberen Zufahrt im Osten liegen Garage und Eingang in die zweigeschoßige Familienwohnung. Ein schmaler Zebrastreifen führt direkt über die Straße zur gedeckten Eingangsnische. „Hier wohnen müde Eltern mit glücklichen Kindern“, steht auf einem Herz aus Holz an der Tür. In der Nische ist kunstvoll die Hausnummer 454 eingeschnitzt. Die Bank vor der Tür bietet einen gerahmten Blick nach Süden, in der Fassade versteckt sich eine zweite Tür, die direkt in die Wohnküche führt. Eine Herdzeile mit einer Fototapete vom Allgäu an der Wand, in der Mitte die offene Kücheninsel, die auch als Bar, Frühstückstheke oder Buffetanrichte dient – im Süden ein riesiger Tisch mit Eckbank. „Bei mir in der Küche fühlen sich alle wohl. Das ist das Herz vom Haus“, sagt die Bauherrin. „Bei uns spielt sich das ganze Leben in der Wohnküche ab.“ Bis zu 14 Menschen aus der Großfamilie können verköstigt werden, im Südwesten ist die ganze Ecke zum Rundumpanoramablick verglast, eigentlich war hier eine Loggia geplant. Noch fehlen die Glastrennwände, durch ein Band von Oberlichtfenstern in der schrägen Dachfläche fallen zusätzliche Sonnenstrahlen ein, krabbelnd erobern sich die Kinder am Eichenparkett den riesigen Raum oder lassen sich in der Hängematte durch die Luft wirbeln. Decken, Wände und Möbel sind aus weiß lasierter Fichte.

Vom Schlafzimmerfenster aus sieht man in Richtung Allgäu. Eine eigene Sauna und Loggia mit Blick auf den Pfänder in der Abendsonne gibt es auch. Die Kinderzimmer befinden sich oben unter dem Dach: Eine Raum- höhe von etwa vier Metern und das Oberlicht, das durch Dachflächenfenster auf die schrägen Holzwände fällt, lassen sie fast sakral wirken. Selbst wenn alle Appartements vermietet sind, liefern 127 m Solarkollektoren und Photovoltaikmodule locker die gesamte benötigte Energie – und einen kleinen Überschuss dazu. Auch in puncto Materialien ist dieses Haus sehr umweltbewusst: Es besteht zum Großteil aus Holz, das zum Teil sogar aus der Landwirtschaft der Bauherren stammt. Gedämmt wurde mit Holzwolle. Kontrollierte Be- und Entlüftung, sowie jeweils eigene CO2-Fühler sorgen sorgen für gutes Raumklima.

Das Stiegenhaus in der Mitte ist auch die Nahtstelle zu den Ferienappartements: Sie werden – mit eigenen Garagen – von der unteren Zufahrt aus im zweiten Untergeschoß erschlossen, sind zwischen 40 und 50 m2 groß und mit eigener Loggia ausgestattet. Mit Kitchenette, Bergblick und karierter Bettwäsche.

Daten und Fakten

Objekt: Haus am Berg, Mehrfamilienhaus, Sulzberg

Eigentümer/Bauherr:  Familie Fink, www.beifinks.at

Architektur: Juri Troy Architects, Wien Bregenz www.juritroy.at

Statik: Bruno Ludescher, Dornbirn Fachplaner Energieausweis: Bernhard Weithas, Lauterach

Planung: 3/2012 –12/2014

Ausführung: 10/2013–12/2014

Grundstücksgröße: 901 m²

Wohnnutzfläche: 541 m²

Bauweise: Holzmassivbau mit 24 cm Dämmung und Fichtenschindeln; Kaltdach mit Dachziegeldeckung; Keller: WU Beton gedämmt mit Flachgründung mittels WU-Betonplatte; Heizung: Biomasse aus dem Nahwärmenetz und Holzofen; Innenwände neu: Holzmassiv Fichte

Besonderheiten: Aktiv-Haus-Standard, Tageslichtevaluierung; Einsatz von eigenem Holz, Energiedach mit 15 m² Sonnenkollektoren, 112 m² flächenintegrierten Photovoltaikmodulen und 15 Dachflächenfenster, CO2-Emissionen: 6 kg/m² (A++), Gesamtenergieeffizienzfaktor: 0,51 (A++)

Ausführung: Holzbau: Alpina Bau- und Holzelemente, Hard; Betonbau: Haller, Sulzberg; Estrich, Bodenbeläge: Fischer, Hard; Bawart & Söhne, Sulz-Röthis; Photovoltaik & Solarthermie: SST Solar, Schlins; Dachfenster: Velux, Wolkersdorf; Sanitär: Hepp Installationen, Dornbirn; Elektro: Kirchmann, Langen

Energiekennwert: 25,7 kWh/m² im Jahr

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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