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„Unsere Zivilgesellschaft braucht euch junge Aktivisten“

Globalisierungs-Kritiker Jean Ziegler während seines Vortrages bei den 19. Österreichischen Medientagen in Wien. Globalisierungs-Kritiker Jean Ziegler während seines Vortrages bei den 19. Österreichischen Medientagen in Wien. - © APA
von Wann&Wo - Schwarzach – „Die massenmordende Finanzoligarchie, die Spekulationshaie und Bankenhalunken, korrupte Politik und die bestechlichen Banditen in ihren Präsidentenpalästen im Süden, die alles beherrschenden Großkonzerne wie Monsanto und Cargill – sie sind die Verbrecher, die aus purer Profitgier den Planeten zerstören und Leichenberge auftürmen!“ Wir trafen unseren Freund Jean Ziegler bei den Medientagen in Wien: „Auch wir kommen dran und werden ins Elend gestürzt! Leisten wir Widerstand!“

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WANN & WO: Du beschreibst in deinem neuen Buch „Wir lassen sie verhungern …“ (Bertelsmann) die komplexen Mechanismen, die töten: etwa die Exportsubventionen der EU (wie billigste deutsche Schweinefüße aus Massentierhaltung auf afrikanischen Landmärkten, die lokale Kleinbauern ruinieren), das Agrardumping und den durch die Weltbank legitimierten Landraub im großen Stil in der südlichen Hemisphäre sowie die Spekulation auf Nahrungsmittel, die die Preise explosionsartig in die Höhe treibt und den Welthunger dramatisch verstärkt. Wie wird uns die Verelendung treffen?

Jean Ziegler: Das Einzige, was uns derzeit noch von diesen Opfern trennt, ist der Zufall der Geburt. Aber auch unsere Zivilgesellschaften werden von diesen Verbrechern ins Elend gestürzt. In Spanien sind heute weit mehr als zwei Millionen Kinder permanent unterernährt aufgrund der Sparpolitik Sparpolitik der aktuellen Regierung. Am schlimmsten ist die Situation in absoluten Zahlen gesehen in Asien, den höchsten Anteil an Hungernden in der Bevölkerung gibt es aber nach wie vor in Afrika. Auch die Kommissare in Brüssel fabrizieren den Hunger. Der Landraub an afrikanischen Bauern, deren Grund und Boden an sogenannte ausländische „Investoren“ (wie etwa an den saudischen Multimilliardär Mohamed Al-Amoudi – hunderttausende Hektar zur Gewinnung von Bioethanol für 90 Cent pro Hektar in Äthiopien) verschachert wird, treibt die Landbevölkerung in die Slums der großen Städte und einige an die europäischen Außengrenzen, wo die hoffnungslosen und ausgezehrten Menschen mit militärischen Mitteln abgewiesen werden. Die EU-Politiker sind Heuchler wenn sie argumentieren, dass die afrikanische Landwirtschaft mit ausländischen Investoren produktiver betrieben wird. Konzerne beuten Land und Leute gnadenlos aus und vernichten die Umwelt und die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Agrar-Exportsubventionen der Industrienationen macht es den lokalen Bauern unmöglich, auf dem Markt zu bestehen, weil sie gegen die künstlich niedrig gehaltenen Preise keine Chance haben. Und der Grund weshalb die Landwirtschaft in Entwicklungsländern nicht modernisiert werden kann, ist die gesteuerte Überschuldung der betroffenen Staaten, die keinerlei Spielraum für Investitionen lässt – für Investitionen in die regionale Landwirtschaft, NICHT in Landraub! Alles was in diesen ärmsten Ländern produziert wird, wird zur Schuldentilgung, zur Tilgung der Zinsen und Zinseszinsen eingesetzt – die Menschen verhungern. Dazu kommt noch die Käuflichkeit der korrupten Führungsriegen im Süden, die es auf die Reichtümer abgesehen haben, die ihnen von den Konzernen versprochen werden. Sie verschachern skrupellos wertvolle Natur und ihre eigenen Völker zu einem Spottpreis.

WANN & WO: Inzwischen ist wirklich allen in Zusammenhängen denkenden Menschen klar, dass die herrschende strukturelle Gewalt, diese mordende Weltwirtschaftsordnung, die Katastrophe der entfesselten Finanzmärkte, in sich zusammenbrechen müssen – allerdings tragischerweise in einem Meer von Blut von Milliarden völlig unschuldiger Opfer bzw. Verlierern des Systems. Die Politik scheint blind und taub zu sein – meist weil sie in dieses unselige Treiben verwickelt ist. Was lässt dich dennoch unermüdlich für Freiheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit kämpfen?

Jean Ziegler: Es ist dieselbe Motivation, die auch Miro und dich antreibt. Wir haben das schreckliche Sterben gesehen, die Kinder, die elend zugrunde gehen und qualvoll verhungern. Als mitfühlender Mensch mit auch nur einem Funken Gerechtigkeitssinn, kann man gar nicht anders, als den Kampf aufzunehmen und Aktivist zu werden. Und das kann jeder Einzelne von uns. Gott hat keine anderen Hände als die unseren. Wenn wir nichts tun, dann tut es niemand. Die politischen Parteien sind keine Hoffnung. Das neue historische Objekt, die Zivilgesellschaft – sie ist die Hoffnung! Der Aufstand des Gewissens hat bereits begonnen. In den Zivilgesellschaften zirkuliert der Wille zur Freiheit. Die Menschen wollen nicht länger in einer Finanzdiktatur leben, die unsägliches Elend und Berge von Leichen produziert. Ich bin ein Marxist und weiß, dass wir selbst diese kannibalische Weltordnung ändern müssen, sonst macht es keiner. Aufgeklärte, interessierte und aktive Menschen können und werden die ekelhaften Machenschaften der Großkonzerne am globalen Lebensmittelmarkt (Agrotreibstoffe, Genmanipulation, Pestizidverseuchung, Lebenmittelverfütterung an die Fleischindustrie, Tierqual in Massentierhaltung, nachhaltige Zerstörung der Umwelt, Trinkwasserverbrauch und –vergiftung u.v.a.) etwa durch ihr bewusstes Konsumverhalten zu Fall bringen. Es gibt Greenpeace, www. attac.at und viele andere Bewegungen, die Gemeinwohlökonomie vorantreiben. In einer Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Das Volk, die Wähler, müssen den Finanzminister zwingen, beim nächsten Treffen der Weltbank für eine Totalentschuldung der ärmsten Länder zu stimmen, der Landwirtschaftsminister muss für ein sofortiges Ende des Dumpings sorgen und das Parlament zur Eliminierung des Börsengesetzes gezwungen werden.

WANN & WO: Hilfsaktionen in Zusammenarbeit mit diversen NGOs sind absolut wichtig und notwendig, doch leider nur Symptombehandlung und ein Tropfen auf den heißen Stein. Etwa der engagierte Rot-Kreuz-Einsatz von Ärzte-Teams, die in 12-Stunden-Schichten Noma-Kinder in Burkina Faso operierten – eine grausame, entstellende, tödliche Infektionskrankheit, die es gar nicht geben dürfte. Sie hat ihren Ursprung in der Mangelernährung und der daraus resultierenden Immunschwäche. Es müssen die Ursachen des Desasters bekämpft werden. Welche Verpflichtung haben hier die Medien?

Jean Ziegler: Aufzudecken, aufzuklären, positive und faire Alternativen aufzuzeigen, den Zivilgesellschaften im Sinne der Menschenrechte nützlich zu sein – so wie ihr das macht. Ich bewundere was ihr tut. Dazu muss man mutiger Visionär sein. Es nützt nichts zu schreiben „Hungersnot durch Dürre am Horn von Afrika“. Das ist Desinformation, das ist kein Journalismus. Ein wahrer Journalist muss genau hinschauen, Zusammenhänge erkennen wollen, das setzt echtes Interesse voraus und den Wunsch nach Veränderung, die Utopie – sie bezeichnet, was in unserem Leben fehlt. Sie umfasst die einklagbare Gerechtigkeit. Der Journalist – der Intellektuelle überhaupt – muss seinen Tagtraum verfolgen mit seinem Willen zur Gerechtigkeit. Er muss Bewusstsein schaffen, Zusammenhänge und Lösungen aufzeigen. Es gibt heute keinen objektiven Mangel – dank Technologie haben wir eine Produktivität, die 12 Milliarden Menschen ernähren kann – jetzt und heute! Der Welthunger ist struktureller Massenmord und organisiertes Verbrechen. Euch ist das eine Schlagzeile wert! Eure LeserInnen erkennen vieles und entwickeln ebenfalls den Mut zur Veränderung. Der Philosoph Edmund Burke schrieb: „Alles was es braucht, um das Böse triumphieren zu lassen, ist das Schweigen der guten Menschen.“ Die Presse muss das Schweigen brechen. Nehmt die Weltbanktheorie auseinander. Verschuldung, Abhängigkeit, Zinsen und Zinseszinsen führen ins Elend und zum Tod. Wer in seinem Bericht zu hohe Lebensmittelpreise auf eine Dürre zurückführt und die Spekulation auf dem Lebensmittelmarkt verschweigt, der spielt die wahre Dramatik herunter und desinformiert! Es ist ein Wunder, dass es die Pressefreiheit noch gibt angesichts der Macht einzelner Oligarchien, denn viele große Presseorgane gehören den Herren der kapitalistischen Weltordnung. So gehört die französische Zeitung „Figaro“ dem Kriegsflugzeughersteller Dessault und die „Libération“ der Bank Rothschild. Unabhängige, verantwortungsbewusste Journalisten schauen sich den Zustand unseres Planeten genau an und tragen zur positiven Veränderung bei. Ich glaube daran.

WANN & WO: Verleger Hans-Jörgen Manstein (Horizont, Bestseller, u.a.) erklärte, dass Journalismus heute längst Mut und Visionen verloren hat, wenn meist branchenfremde Verlags-Manager nur noch von Profitmaximierung, von Produkten als Marketinginstrumenten, von Zielgruppenabdeckung und Content sprechen und Redakteure in Abhängigkeit zu Zweckschreiberlingen degradieren.

Jean Ziegler: Ja, das hat er richtig gesagt. Vorhin meinte eine junge Wirtschaftsjournalistin mir gegenüber, das Thema Hunger sei keine Headline, das interessiere die Leute nicht, sei also keine „Story“ mit der man LeserInnen lukrieren könne. Das genaue Gegenteil ist der Fall und ihr seid das beste Beispiel dafür. Chefredakteure und freie, unabhängige Journalisten müssen sich ihrer Verantwortung wieder bewusst werden und Ethik und Werte über ihre Inhalte vermitteln. Die LeserInnen wollen verändern, sie werden sich der Dinge, die da passieren, bewusst, sie helfen und spenden, stehen für etwas ein, sie treten den Vereinen gegen Tierfabriken, attac oder Greenpeace bei – das sind ganz klar die Themen, die bewegen – neben allem Infotainment. Eure engagierte Arbeit liefert den Beweis dafür.

WANN & WO: Wir alle sollten uns zum Motto machen: „Nicht auf Kosten anderer!“ Danke für die Zeit.

Jean Ziegler: Ich danke. Wir bleiben in Verbindung. Alles Gute.

Verena und Miro Daum-Kuzmanovic haben Jean Ziegler in Wien getroffen.

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