Ibrahim T.* lebt und seit 2007 in Vorarlberg. Momentan befindet er sich im zweiten Lehrjahr zum Elektroinstallateur. - © W&W
WANN & WO: Seit wann lebst du in Vorarlberg?
Ibrahim T.*: 2007 folgten meine Familie und ich meinem Vater nach. Er war als ehemaliger Polizeibeamter nach Österreich geflüchtet. Inzwischen arbeite ich als Elektroinstallateur im zweiten Lehrjahr.
WANN & WO: Welche Erinnerungen hast du an deine alte Heimat?
Ibrahim T.*: Natürlich überschattet der Krieg alles. Meine Familie stammt aus dem kleinen Dorf Naurskj Rajon. Viele meiner Verwandten starben im Krieg. Bei einem Attentat auf einen Bazar ließ u.a. der Onkel meines nun ebenfalls in Österreich lebenden Freundes sein Leben. Er war der damalige Vizepräsident von Tschetschenien. Eine Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Als wir von einem Ausflug nach Hause kamen, geriet unser Haus unter Beschuss. Im Schlafzimmer meiner Großmutter lag eine Rakete, die glücklicherweise nicht detoniert war!
WANN & WO: Fühlst du dich in Vorarlberg integriert?
Ibrahim T.*: Ich schätze das Land und die Vorarlberger Kultur sehr. Anfangs hatte ich Probleme mit der Sprache, die Menschen hier waren aber immer hilfsbereit und freundlich. Auch mit meiner Lehrstelle binich glücklich, ich hoffe, später ein Studium machen zu können. Mein Freundeskreis ist bunt durchmischt, ich hänge sowohl mit Österreichern als auch mit meinen tschetschenischen Kollegen ab. In meiner Freizeit betreibe ich viel Sport. Auch im Fußballverein spielt meine Herkunft keine Rolle – genausowenig wie meine Religionszugehörigkeit. Egal ob österreichischer Katholik oder tschetschenischer Muslim, alle Menschen sind gleich.
WANN & WO: Manche Politiker sehen ein „Tschetschenenproblem“ in Vorarlberg. Glaubst du, dass eure Bevölkerungsgruppe eher zu Kriminalität und Gewalt neigt?
Ibrahim T.*: Die Tschetschenen sind ein stolzes und ehrgeiziges Volk. Der Krieg ist aber immer präsent. Ich denke, dass aufgrund der Erlebnisse des Krieges viele Tschetschenen aggressiv wirken. Aber dieses Verhalten manifestiert sich erst dann, wenn man jemanden in die Ecke drängt. Von sich aus sind wir ein friedliebendes Volk. Wir machen älteren Menschen im Bus genauso Platz, wie jeder andere mit guter Erziehung.
WANN & WO: Wie stehst du zur russischen Politik?
Ibrahim T.*: An sich habe ich nichts gegen die Russen, ich kann nur Fanatismus nicht ausstehen. Ich denke z.B. an den Fußball und die Haltung diverser Fanatiker gegenüber den so genannten „Kavkazos“. In der russischen Politik läuft es wie überall: Die Machthaber wollen sich selbst bereichern und pfeifen auf die Bedürfnisse der Mehrheit.
WANN & WO: Wie beurteilst du die Situation rund um die Abschiebung von Danial M.?
Ibrahim T.*: Ich habe an den Demonstrationen teilgenommen und hoffe, dass wir die bevorstehende Abschiebung unseres Landsmannes verhindern können. In Russland er – wartet ihn der Tod, die Abschiebung käme einem Todesurteil gleich, auch wenn er dort ins Gefängnis kommen würde. Er würde spätestens nach drei bis vier Monaten in einer Zelle „sterben“. Zwei seiner ehemaligen Kollegen belasten ihn dort schwer. Danial möchte lieber in Österreich ins Gefängnis oder sogar lieber hier sterben, denn in Russland geht der Tod mit qualvoller Folter einher.
*Name, Alter und Wohnort von Redaktion geändert.
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